Seit wann schätzte er überhaupt die Weiber nach ihrer Pflichttreue, nach ihrer Moral? Was gingen ihn die Tugenden und Fehler der Geheimräthin Bremer, der Schwester Clarissa und des anmuthigen Kinderfräuleins an!

Ja, dieses Fräulein, es war doch ein Genuß an sie zu denken, sie zu sehen – –

Es war fünf Uhr morgens. Turnau glaubte anfangs an eine nervöse Sinnestäuschung, bald aber überzeugte er sich, daß das Klopfen, welches er hörte, Wirklichkeit war – Professor Schrödter hatte die Rücksichtslosigkeit, einen seiner Assistenten morgens um fünf Uhr wecken zu lassen!

Ein derartiger Fall war dem jungen Arzte in den drei Jahren seiner klinischen Thätigkeit nur sehr selten vorgekommen. Er war außer sich darüber und beschloß, noch im Laufe desselben Tages um jeden Preis von dieser persönlichen Abhängigkeit frei zu werden.

Er hatte kaum seine Toilette beendet, als schon der Professor unangemeldet bei ihm eintrat. Er hatte das bei Turnau noch niemals gethan, weil ihm das steife förmliche Wesen seines reichen Assistenten innerlich durchaus zuwider war. Aus sehr einfachen Verhältnissen hatte er sich durch eigene Kraft zu wissenschaftlicher Bedeutung emporgerungen, ohne sich zugleich äußerlich den Vorschriften feinerer geselliger Formen zu fügen.

»Störe ich Sie noch? – Es ist fast halb sechs, sehr viele Menschen haben bereits ausgeschlafen,« begann er mit rücksichtsloser Ironie. Er wußte genau, daß Turnau sonst frühestens zur Poliklinik um zehn Uhr früh aufstand.

Der junge Mann stand seinem Vorgesetzten in tadelloser Haltung gegenüber. »Selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung, Herr Professor.«

»Der Kranke, den Sie gestern Abend amputirt haben, ist gestorben. Wenn Sie in der Nacht einmal nachgesehen hätten, brauchte ich nicht hierherzukommen, um Ihnen das zu sagen.«

Absichtlich überhörte Turnau den Vorwurf.

»Habe ich bei der Amputation einen Fehler gemacht?«