»Ja, den größten, den Sie machen konnten. Von zwei abgequetschten Stümpfen haben Sie den Einen amputirt und den Anderen ruhig liegen lassen. Als ich gestern Abend nachsah, war es bereits zu spät. Nicht einmal alle Knochensplitter des Schädelbruches waren ordnungsmäßig entfernt.«
»Um alles auszuführen, was dieser Fall erforderte, wäre eine sehr lange Narkose nöthig gewesen. Das war aber nicht opportun wegen einer Herzschwäche des Patienten, die auch im Krankenbericht constatirt ist.«
»Glauben Sie denn, daß ich das nicht weiß?« schrie der Professor grob. »Sie hätten sich aber Assistenz holen können, damit in kurzer Zeit so viel wie möglich geschehen konnte.«
»Diese Anordnung zu treffen, wäre Ihre Sache gewesen, Herr Professor. Sie haben den Verunglückten vor mir gesehen. So gut wie ich mit einem Auftrage in dieser Hinsicht beehrt wurde, konnte mir auch einer der Herren Collegen zur Seite gestellt werden.«
»Ach was, die Geschichte fiel auf Ihrer Station vor. Sie hätten sich selbst die nöthige Hülfe verschaffen müssen. Wir sind doch keine Soldaten, bei denen jeder nur auf einen Befehl von oben wartet, ehe er handelt. Sie aber haben überhaupt keinen der anderen Herren benachrichtigen lassen. Hielten Sie den Fall von vornherein für hoffnungslos?«
»Jedenfalls für so compliciert, daß ich nicht wagte, nach eigenem Ermessen irgend eine Aenderung der von Ihnen getroffenen Dispositionen vorzunehmen.« Turnau sprach noch immer tadellos höflich und mit vollster Selbstbeherrschung, während der Professor bei jedem Worte mehr seine Ruhe verlor.
»So – Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, daß ich allein Schuld bin?« fragte er wüthend.
»Warum muß denn da überhaupt jemand schuld sein? Es war eben ein Unglücksfall mit tödtlichem Ausgange. Es wäre ja geradezu entsetzlich gewesen, wenn wir den Verstümmelten durchgebracht hätten.«
»Wirklich? Nun das muß ich sagen, Herr Doctor, für einen Arzt ist das ja eine sehr eigenthümliche Anschauungsweise. Kann es denn überhaupt einen Fall geben, in dem der Arzt nicht verpflichtet ist, alle Hülfsmittel der Wissenschaft anzuwenden, um das bedrohte Menschenleben zu verlängern und zu erhalten?«
»Ich weiß es nicht. Das ist eine philosophische, wenn Sie wollen eine religiöse, aber keine medicinische Frage.« – – –