»Und Sie erlauben sich daher diese Frage zurückzuweisen, mein Herr College, nicht wahr?« höhnte der aufs äußerste gereizte Mann. »In unserm Falle liegt die Frage aber durchaus auf dem Gebiete der Medicin, die Frage ist rein sachlich, und die Antwort darauf ist es ebenfalls. Diese Antwort aber lautet dahin, daß Sie Herr Doctor Turnau eben durchaus nicht alles gethan haben, was Sie thun konnten, um ein entfliehendes Menschenleben zurückzuhalten. Sie sagen, daß ich als Chef hätte genauere Anordnungen treffen können. Das hätte ich vielleicht gethan, wenn ich gewußt hätte, daß einer meiner Assistenten sich einbildet, man könnte kein guter Psychiatriker sein, ohne zugleich als Chirurg die verhängnißvollsten Fehlgriffe zu begehen.«
Mit Turnaus Ruhe war es nun auch zu Ende. Eine grobe Antwort auf den groben Angriff vermochte er nicht zu geben. Das war seiner feinen sensitiven Natur zu sehr entgegen. Er wurde todtenbleich, lehnte sich an einen Schrank, neben dem er stand und schwieg.
Der Professor, der trotz seines polternden Tones nicht die Absicht gehabt hatte, den jungen Mann zu beleidigen, erschrak, als er die Wirkung seiner Worte sah. Turnaus scheinbare Ruhe hatte ihn gereizt, und er hatte im Aerger mehr gesagt, als er hatte sagen wollen.
»Ich habe Sie erschreckt, Turnau,« lenkte er gutmüthig ein. »Es liegt mir ja fern, Ihnen die Schuld an dem Tode eines Menschen aufbürden zu wollen. Aber Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht einerlei ist, wenn so etwas in meiner Anstalt passirt. Es ist doch immerhin ein Privatunternehmen und keine königliche Klinik. Ich vertrete der Welt gegenüber alles, was hier unter meiner Leitung geschieht. – Wir wollen nachher die Obduction vornehmen, dann können wir den Fall noch eingehender und ruhiger besprechen, als es jetzt möglich ist.«
Turnau verbeugte sich schweigend und tief vor seinem Vorgesetzten.
»Um Gottes Willen, seien Sie doch nicht so versteinert, ich muß doch schelten, wenn nicht in meinem Sinne operirt wird. Das passirt den jüngeren Herrn überall, Sie müssen das nicht so schwer nehmen,« begann der Professor noch einmal.
Das Schweigen des hochmüthigen jungen Menschen war ihm furchtbar peinlich. Er hatte das Gefühl, sich in seinem äußeren Benehmen wieder etwas vergeben zu haben. Grade Turnau gegenüber passirte ihm das öfter, deshalb war ihm auch der in tadellos vornehmen Formen erzogene Assistent so sehr unangenehm.
»O bitte, Herr Professor, wenn ich einen Tadel verdient habe, so muß ich ihn hinnehmen.« Turnau sagte das so ruhig und gleichgültig, als ob er sich durchaus nicht beleidigt fühle.
Der Vorgesetzte verlor dadurch den letzten Rest seiner Sicherheit. »Bei der Obduction können Sie den Vortrag halten,« sagte er beinah verlegen, wie um auf etwas anderes zu kommen.
»Ich bitte mich von der Obduction gütigst dispensiren zu wollen. Ich hatte schon seit einiger Zeit die Absicht, mich krank zu melden und bitte um die Erlaubniß, für den Rest des Quartals einen Collegen zu meiner Vertretung engagiren zu dürfen.«