»Es ist mir so unangenehm, daß es eine Zudringlichkeit wäre, wenn Sie darauf bestünden.«
Das war eine Beleidigung, nun mußte er sie doch lassen. Aber er wich nicht von ihrer Seite. »Ich werde diese Zudringlichkeit vor Ihrem Herrn Gemahl zu rechtfertigen wissen.«
Mit diesen Worten hob er sie in den Wagen, stieg zu ihr ein und fuhr an ihrer Seite ihrer Wohnung zu. Es sah fast so aus, als ob er heimlich lächelte über ihren ohnmächtigen Zorn. Sie wurde immer bleicher, und in ihren Augen brannten verhaltene Thränen.
Der Geheimrath erschrak, als er an den Wagenschlag trat und ihr verzerrtes, entstelltes Gesicht ihm entgegensah. Sie sah alt und fast häßlich aus in dieser wahnsinnigen Aufregung mit ihrem nachlässigen Anzuge.
»Um Gottes Willen, was ist denn mit meiner Frau geschehen? Lydia, wie siehst Du aus! Herr Professor erklären Sie doch – – –«
»Deshalb bin ich gekommen,« antwortete Schrödter mit überlegener Ruhe. »Unsere Kranke hat sich wieder Morphium zu verschaffen gewußt, es wird Ihre Aufgabe sein, Herr Geheimrath, alle Kleider der Patientin sorgfältig durchsuchen und prüfen zu lassen, damit nichts eingeschmuggelt werden kann, was wir nicht wissen.«
»Lydia!«
Sie hörte den entsetzten Ausruf ihres Mannes nicht mehr, denn sie war ohnmächtig zusammengebrochen bei den rücksichtslosen Worten des Arztes.
Der Geheimrath rief das Kinderfräulein an den Wagen. Das junge Mädchen nahm rasch entschlossen die zarte Gestalt ihrer Herrin in ihre Arme und trug sie, ohne die Unterstützung der Herren in Anspruch zu nehmen, ins Haus.
Das Stubenmädchen kam der Bonne zu Hülfe. Behutsam wurde die Ohnmächtige niedergelegt, Fräulein Wagner knöpfte ihr den Schlafrock auf, um sie, wie es der Arzt gewünscht hatte, zu entkleiden.