»Herr Doctor Turnau ist schon längere Zeit leidend gewesen, heute früh fand ich ihn unzurechnungsfähig, er wird in der Aufregung, die seiner That voranging, kaum erkannt haben, wer bei ihm war, vielleicht hat er Sie überhaupt nicht bemerkt, gnädige Frau.«

Lydia begriff. »Doch, er hat mich erkannt, aber er ließ mich im Salon warten, während er die entsetzliche That im Schlafzimmer vorbereitete; erst nach dem Geräusch des Schusses wagte ich es, ihm zu folgen.«

Nach dieser Erklärung athmete sie auf, man achtete nicht mehr so auf sie. Die Leute beschäftigten sich mit der Leiche, die Aerzte zogen sich zurück.

Mit leidenschaftlichem Entzücken fühlte sie in ihrer Tasche die kleinen Gläser. Auf Jahre hinaus würden diese concentrirten Lösungen genügen, um daraus das verhältnißmäßig schwache Mittel herzustellen, dessen sie bedurfte. O, wie wollte sie diesen Schatz hüten, wie sorglich und vorsichtig wollte sie alles verstecken, man sollte sie nicht zum zweiten Mal überlisten. Nun aber nach Hause und vor allen Dingen Alles in Sicherheit bringen.

Die Freude, die sie erfüllte, ließ sie die entsetzliche Demüthigung vergessen, die sie erlitten hatte. Sie empfand auch keinen Schmerz über das jähe Ende des Mannes, den sie noch vor einer Stunde zu lieben geglaubt hatte. Sie liebte nichts mehr auf der Welt außer dem Genusse, und genießen konnte sie jetzt – maßlos, unbeschränkt, heimlich.

Geräuschlos verließ sie das Zimmer des Verstorbenen und eilte die Treppe hinab. Das Herz schlug ihr bis zum Halse hinauf – fort, nur fort.

»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich möchte mir gestatten, Sie zu begleiten,« Professor Schrödter stand plötzlich neben ihr, kalt und mißtrauisch sah er sie an.

O, wie sie ihn haßte – sie hätte ihn ins Gesicht schlagen, ihn von sich stoßen mögen, sie war fassungslos.

»Lassen Sie mich – der Schreck, die Aufregung – ich möchte allein sein.«

»Ich halte es für meine ärztliche Pflicht, Sie zu begleiten, auch wenn Ihnen das direct unangenehm sein sollte.«