»Herr Professor, was müssen Ihre Leute von mir denken, wenn Sie mich so fragen!«

Sie bemühte sich, so kalt und so ruhig zu erscheinen wie sonst – es war ihr nicht möglich. Der Professor empfand, daß er sich in irgend einer Weise nicht ganz correct benommen hatte. Sein Ton klang weniger rücksichtslos schroff, als er sie fragte, wie sie dazu gekommen sei, Turnau aufzusuchen, anstatt den jungen Arzt zu sich zu bitten.

»Sie haben mir selbst heute den letzten Tropfen Morphium weggenommen, den ich besaß,« erklärte sie rasch »nur durch ein heimliches Zusammentreffen mit Turnau konnte ich hoffen, das Verlorene wieder zu erlangen.«

»Es wäre aber doch eine Gemeinheit von ihm gewesen,« polterte Schrödter nun doch wieder los, »Sie sind meine Patientin, mein Assistent mußte darauf Rücksichten nehmen.«

Lydias Blicke trübten sich, sie empfand mit bitterem Schmerze ihre Ohnmacht gegenüber der ihr aufgezwungenen Behandlung des Nervenarztes.

»Doctor Turnau war heute sehr unzugänglich, mein Besuch war vergeblich,« sagte sie kurz.

»Ein Sterbender – das will ich glauben, – ich habe heute zum ersten Male bemerkt, wie krank er war – werfen wir keinen Stein auf den Todten.«

»Wie meinen Sie das, Herr Professor?«

In athemloser Spannung hingen die Augen aller Anwesenden an den Lippen des Arztes. Schrödter sah ein, daß es in diesem Augenblicke in seiner Hand lag, eine Verdächtigung, einen Makel von dem Namen der Geheimräthin fern zu halten – er dachte an den Gatten der jungen Frau. Was für ein Heiligthum war diese Frauenehre für diesen Mann!

Gewissermaßen erklärend wandte er sich an das Personal seiner Anstalt, das ihn jetzt fast vollzählig umstand.