Hastig durchwühlte sie noch den Auszug eines Tisches, aber sie fand nichts mehr. Kaum eine Minute blieb ihr Zeit; man hatte den Schuß im Hause gehört; das Zimmer füllte sich mit Menschen.
Professor Schrödter stellte den Tod seines Assistenten fest. Er nahm an, daß Turnau in einem Augenblicke geistiger Umnachtung gehandelt habe.
Kopfschüttelnd blätterte er in dem Notizbuche, das der Todte bei sich trug, während er geglaubt hatte, es läge im Nebenzimmer. Der Professor hoffte eine Aufklärung über die Beweggründe zu der traurigen That darin zu finden.
Endlich fand er eine Notiz, die das Datum der vergangenen Nacht trug. »Der Tod ist der Sünde Sold, aber die Gnade Gottes ist das ewige Leben in Christo Jesu unserem Herrn.« Daneben stand, daß er wünsche diesen Spruch auf seinen Grabstein setzen zu lassen.
Der Professor reichte Lydia das kleine Buch. Sie las den Spruch und schlug wie verzweifelt die Hände vor ihr Gesicht.
»Sie waren dabei, Frau Geheimräthin, sollten Sie den Zusammenhang nicht ahnen, wissen Sie nichts – gar nichts?«
Er sah sie durchdringend an. Sie fühlte, daß Alles für sie auf dem Spiele stand – – ihre Ehre – – von allen Seiten ruhten neugierige Blicke auf ihr.
»Morphium« stammelte sie, verzweifelt, außer sich. –
»Ah – also weiter brauchen wir nach Ihrer Morphiumquelle nun nicht mehr zu suchen, Turnau war der Schuldige, er gab Ihnen das Gift, er selbst ging zu Grunde daran, o ich verstehe, ich verstehe.«
Ueber das breite Gesicht einer Wärterin glitt ein höhnisches Lächeln. Lydia sah es, das Blut stieg ihr ins Gesicht, sie empfand eine leidenschaftliche Wuth, die ihrem Wesen bis dahin fremd gewesen war.