»Es ist nichts vorgefallen, was gestern und vorgestern, vor Wochen und vor Jahren nicht auch schon gewesen wäre,« beharrte sie. »Turnau war selbst Morphinist, er verstand meinen Kummer über die Unmöglichkeit, mir das zu verschaffen, was ich brauchte, um froh und um glücklich zu sein. Hättest Du mir nicht diesen ordinären Professor Schrödter, den ich verabscheue und von dem ich mich niemals behandeln lassen werde, aufgedrängt, so wäre heute noch Alles wie es war. Ich wäre ruhig und glücklich, und Dir wäre Aufregung und Aerger erspart geblieben.«
»Du hättest weiter gesündigt und Dich durch ein Laster erniedrigt, daß Dich in der Achtung Deines Mannes, Deiner Aerzte und sogar Deiner Dienstboten tief herabsetzt.«
»Wenn Du mit den Dienstboten vielleicht Fräulein Wagner meinst, so will ich Dir doch nebenbei bemerken, daß ich diese arrogante Person zu entlassen gedenke.«
»Die pflichttreue Pflegerin ist meinen Kindern unentbehrlich, so lange diese keine Mutter haben.«
»Du stellst diese Person über Deine Frau!«
Ihre Augen flackerten, ihre Wangen brannten, er sah es, aber er begriff nicht, daß diese Anzeichen Schonung und Ruhe für ihre kranken Nerven forderten; er sah nur ihre Leidenschaft, ihren ungerechtfertigten Zorn gegen ein unschuldiges, reines Wesen, das in seinem Hause unter seinem Schutze stand.
»Ja,« sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches Mädchen steht sittlich viel höher, als eine pflichtvergessene Mutter, die sich ihren Kindern entzieht, um mit sinnlicher Gier in verbotenen Genüssen zu schwelgen. Seit Du morphiumsüchtig bist, habe ich kein Weib mehr, meine Kinder haben keine Mutter, und die Ehre meines Namens lag bis heute in den Händen eines charakterlosen Schwächlings, der in seiner Erbärmlichkeit nicht anders enden konnte, wie er geendet hat, als Selbstmörder.«
Lydia sah ihn starr an. Es lag etwas Unheimliches in ihren Augen, etwas wie verborgener Wahnsinn. »Deine Ehre in Turnaus Händen?« sie lachte.
»Von seinem Mitleid habe ich gelebt, von dem Almosen, das er mir hinwarf. Ein willkürliches Gesetz gab ihm in die Hände, was Anderen unerreichbar ist. Großmüthig gab er mir von seinem Reichthum, weiter nichts. O Gott, Arnold – muß ich Dir denn schwören, daß Deine Ehre rein geblieben ist, daß mich Turnau körperlich niemals berührt hat?«
»Wenn das der Fall ist, so lag es wohl nicht an dir; du hättest dich vor die Hunde geworfen, um deiner Leidenschaft fröhnen zu können. Es ist nicht das Verdienst einer Dirne, wenn ihre Reize keinen Käufer finden.«