Er erschrak selbst, als er die furchtbare Beleidigung ausgesprochen hatte. Die Verachtung hatte ihn überwältigt, maßlos wie seine Verzweiflung war der Vorwurf, den er erhob.
»Du begreifst, daß diese Aeußerung unsere Ehe nun auch äußerlich scheidet. Innerlich getrennt sind wir, seit Du heute früh Deine »Dienstboten« aufgehetzt hast, mir den einzigen Genuß zu stehlen, den das Leben an Deiner Seite für mich überhaupt hat.«
Sie wunderte sich selbst, daß sie so ruhig sprechen konnte. Wie aus weiter Ferne hörte sie ihre eigene Stimme. Es war in ihr wie ein Morphiumrausch ohne Morphium. Leise griff die Krankheit des Körpers vom Nervensystem aus hinüber nach der Seele. Die Grenze, die das körperliche und das Gemüthsleiden trennt, verschob sich unmerklich, die Leidenschaft, der Zorn und die Qual der Verzweiflung wurden zur Krankheit. Sie konnte nicht mehr kämpfen, nur noch leiden, nur noch dulden, nur noch schwach und vergehend sich wehren, wenn man ihr allzu wehe that.
»Ehescheidung?« Er fuhr in furchtbarer Heftigkeit auf. »Glaubst Du, daß ich an meinen Kindern das Verbrechen begehen werde, meine Ehe scheiden zu lassen? Der Schwur, den ich am Altar geleistet habe, ist mir heilig. Ich bin und ich bleibe Dein Gatte, nur der Tod kann uns scheiden.«
»Wenn das Deine Ansicht ist, so giebt es allerdings für uns Beide nur einen Ausweg – tödte mich – es wird mit meinem Einverständniß geschehen.«
»Nein, ich will kein Verbrechen begehen, wie Du. Dank dem krankhaften Zustande Turnaus bist Du äußerlich wenigstens nicht entehrt, wenn Du es auch innerlich bist durch den Willen zur Sünde. Kehre um, bereue, bessere Dich und beginne ein neues Leben.«
»Was giebt Dir das Recht, eine solche beleidigende Forderung an mich zu stellen? Ich war nicht Turnaus Geliebte, ich war nur Morphinistin, das ist eine Krankheit, eine Schuld ist es nicht.«
»Als eine Krankheit fasse ich es auf und wie ein Unglück, wie eine Krankheit will ich es bekämpfen.«
»Glaubst Du, daß Zwang und Gewalt, die mich zur Verzweiflung treiben, die mich sogar zur körperlichen Gegenwehr zwingen, der richtige Weg sind, um eine Krankheit zu heilen?«
»Bedenke mein Entsetzen, Lydia, meine schmerzliche Ueberraschung. Deine Tugend, Deine Vornehmheit, Deine frauenhafte Lieblichkeit waren mein Heiligthum und mein Glück. Mir ist, als ob sich ein Abgrund aufgethan hätte, der das Alles in seine Tiefe gerissen hat; mir ist, als ob ich selbst vor einem Verhängniß stände, das mich zu Grunde richten muß.«