»Dein ganzer Kummer ist nichts als Einbildung,« rief sie außer sich. »Laß morgen durch die Gnade der Heiligen eine Erleuchtung in die Welt kommen, die einen entsetzlichen Zwang aufhebt, laß den Morphiumverkauf frei werden, und ich stehe gerechtfertigt, ehrenhaft, glücklich und frei da, wie zuvor. Nur der Zwang, ein Gesetz umgehen zu müssen, hat mich unglücklich gemacht. Mit dem Fall dieses Gesetzes würde ich und Tausende mit mir wieder ehrlich und froh sein.«

Arnold Bremer stampfte mit dem Fuße auf und griff in maßloser Wuth mit beiden Händen in sein graues Haar. Seine Stimme klang beinah wie Schluchzen.

»Lydia – wenn morgen die Strafe für Mörder aufgehoben würde, würde dann der Mörder aufhören ein Verbrecher zu sein?«

Sie zuckte die Achseln. »Der Mörder schadet Anderen an Leib und Leben; der Morphinist schadet niemand, er genießt nur ein süßes Behagen, das ein neidischer Zwang ihm verwehrt.«

»Und schadet niemand?«

»Nein.« Sie sah ihn fragend an.

Er lachte höhnisch außer sich auf. »Also Du glaubst, daß es nichts schadet, wenn ein Mensch plötzlich aufhört, diejenigen Pflichten zu erfüllen, die ihm Gott für sein Leben zugetheilt hat? Es schadet wohl nichts, wenn eine Frau, anstatt ihren Mann glücklich zu machen und ihre Kinder zu pflegen, in zwecklosem Genießen nur noch körperlich fortvegetirt, ohne geistig auf ihrem Posten zu stehen? Steht nicht geschrieben: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen?«

»Nicht essen? – Lieber Arnold, muß ich Dich daran erinnern, daß ich kein armes Mädchen war, das geheirathet hat, um versorgt zu sein? Unsere Renten sind ungefähr gleich. Was giebt Dir denn das Recht, mir vorzuhalten, daß ich ohne Gegenleistung dafür mir erlaube – – zu essen?«

»Nimm das nicht buchstäblich, spiele nicht mit Worten,« rief er außer sich, »es ist ein frivoles Spiel. Jeder Mensch hat sein Leben zu durchkämpfen, wenn es sein muß, zu durchleiden, um einen gewissen Kreis von Pflichten zu erfüllen, die ihm zugefallen sind. Nicht Jeder braucht um das tägliche Brod zu arbeiten, Mancher ist zu mehr, zu Besserem, zu Höherem berufen. Jedes Weib ist dem Himmel verantwortlich für die Seelen ihrer Kinder, die sie dem ewigen Heil zuführen muß. Man muß einen Lebenszweck haben, begreifst Du das nicht?«

Einen Lebenszweck – – wie eine Vision stand der Kirchhof vor ihrem inneren Auge; sie saß am Grabe ihrer Eltern, die rothen Sonnenstrahlen schimmerten auf dem schwarzen Marmor des Grabsteins. Neben ihr saß ein Mann, ein Freund, er verstand sie, und sie – sie liebte ihn. Er war jetzt hinübergegangen zu den Todten, und von ferne, aus einer anderen Welt, jenseits des Grabes, aus der Welt der Erinnerung drangen Worte an ihr inneres Ohr – Worte, die er einstmals gesprochen, »der Genuß ist auch ein Lebenszweck, so gut wie die Arbeit; es kommt nur darauf an, daß man seine moralischen Begriffe damit in Einklang zu bringen versteht – – – – – – – – –«