Mechanisch, halblaut, wie man nachspricht, was jemand vorsagt, sprach sie sie aus, diese Worte des Freundes.
Der erzürnte Mann vor ihr hatte diese Antwort doch nicht erwartet. Wie ein Schleier sank es ihm plötzlich von den Augen. Diese Frau mit dem irren, abwesenden, in's Leere starrenden Blick konnte er nicht für die Worte verantwortlich machen, die so abgerissen und ausdruckslos von den bleichen, zuckenden Lippen fielen. Sie war krank, unzurechnungsfähig. – Mit furchtbarer Ahnung durchblitzte sein Hirn der Gedanke, sie könne wahnsinnig geworden sein durch die Verzweiflung, in die sein rücksichtsloses Vorgehen sie gestürzt hatte.
»Du mußt in eine Anstalt, nachher wird Alles besser werden,« und wie sie zusammenzuckte, fügte er noch mitleidig und traurig hinzu: »ich will Dich nicht quälen.«
Dann ging er hinaus. Wenn er gewünscht und gehofft hatte, seine Frau zu erschüttern, zu rühren und der Bereuenden vielleicht dann verzeihen zu können, so sah er sich bitter enttäuscht.
Er hatte nichts erreicht, höchstens den Riß, den nach seiner Ansicht ihre Morphiumsucht in die Ehe gebracht hatte, unheilbar gemacht und endlos vergrößert. Seinem Auge bot sich kein Ausweg. Er wollte und mußte sie in eine Heilanstalt bringen, aber selbst wenn sie dort körperlich geheilt werden sollte, konnte er nicht hoffen, daß ihre Seele wieder gesund werden würde.
Er hatte sie geliebt, jetzt hatte er ihre Liebe verloren. Mit heißem Schmerze fühlte er, daß seine Liebe zu der Kranken, Unglücklichen unerschütterlich treu in seinem Herzen fortleben würde, so lange er lebte. Vielleicht konnte diese Liebe noch wachsen und zunehmen, wenn sie jemals sich hülflos und verzweifelt an ihn anklammern würde, aber er fühlte, daß sie das, was ihm und auch ihr früher selbstverständlich erschienen wäre, nicht thun würde – nie wieder. – Es stand etwas zwischen ihnen, was er nicht aus dem Wege zu räumen vermochte, weil es überwältigend und unfaßbar war, eine Leidenschaft – – »Morphium«. –
Er dachte auch einen Augenblick an den blutigen Schatten des todten Freundes. Nein, der stand nicht zwischen ihm und ihr, den hätte die Liebe des Mannes überwinden können; aber gegen den Dämon konnte er nicht kämpfen, der ihre Seele gefesselt hatte. Mit einem schweren Seufzer blieb er vor der Thür ihres Zimmers stehen. Dann ging er mit festen Schritten hinüber in's Kinderzimmer. Nacheinander hob er beide Kinder zu sich empor, drückte sie fest an die Brust und küßte sie innig.
»Meine Frau ist schwer krank, Fräulein, die armen Kinder werden manches entbehren müssen,« sagte er ernst.
»Was ich thun kann, um den Kindern die Mutter, so lange es nöthig sein wird, zu ersetzen, soll geschehen,« antwortete Hedwig Wagner einfach und schlicht.
In ihren grauen Augen standen Thränen, treu und freimüthig legte sie ihr Versprechen ab. Der Geheimrath gab ihr die Hand. Dann verließ er die Kinder; es war ihm, als hätte er sie in die Obhut eines Schutzengels gegeben.