Um so schnell wie möglich die Unterbringung seiner kranken Frau in einer geeigneten Anstalt zu veranlassen, begab er sich gleich darauf zu Professor Schrödter.
Lydia war, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend und regungslos stehen geblieben. Ein weißes, langes Kleid floß weich herab an ihrer schlanken Gestalt, der schöngeformte, hochfrisirte Kopf sah reizend und jugendlich aus, aber die Augen waren glanzlos, die vorher brennenden Wangen waren fahl geworden, und die Hände hingen schlaff und müde herab.
Sie fühlte, daß Alles zu Ende war zwischen ihrem Manne und ihr. Sie hatte, seit sie Morphinistin war, nicht darüber nachgedacht, ob sie ihn noch liebe oder nicht. Still und unmerklich war die Liebe eingeschlafen in ihrem Herzen. Ein zartes verständnißvolles Benehmen des Mannes hätte sie vielleicht leise und sanft wieder erwecken können wie ein Sonnenstrahl eine Blüthe, die ein Nachtfrost geschlossen hat, aber seine brutale Moral, sein schroffer correcter Ehrbegriff hatte die zarte, sterbende Blüthe zertreten.
Sie hatte aufgehört, ihn zu lieben und konnte ihn auch nicht wieder lieben, nie, im Leben nicht wieder.
In erbittertem Kampfe stand er ihr gegenüber. Verachtung hatte er ihr entgegengeschleudert. Um ihr Laster auszurotten, wollte er sie in eine Heilanstalt bringen. Gegen sie, das zarte kranke Weib, rief er den rohen rücksichtslosen Arzt zu Hülfe, den sie verabscheute.
Es ist so leicht, einen wehrlosen, kranken Menschen zu peinigen und zu verfolgen. Darin liegt aber eine Gemeinheit, eine moralische Roheit, die doch wohl eben so verächtlich ist, wie die Pflichtvergessenheit einer Kranken. Lydia wußte, was das Wort in sich schließt »eine Entziehungscur.« Professor Schrödter garantirte zwar für seine »Entziehungscuren ohne Qualen«, aber nur ein Morphiumkranker kann ermessen, wie groß die Lüge ist, die in dieser Vorspiegelung liegt.
Ein Opfer dieser Qualen aber sollte sie nun sein, um nach dem Willen ihres Mannes ihren Pflichten zurückgegeben zu werden.
Sie dachte an Turnau. Nicht mehr mit Liebe, sondern mit Neid gedachte sie des glücklichen Todten. Er hatte den Genuß, den das Morphium gewährt, auskosten dürfen bis zum Ende, ihr dagegen riß man den goldenen Kelch von den Lippen, jetzt wo sie noch durstig war – durstiger als je.
Ihre Seele lechzte nach Betäubung, um die Schmach zu vergessen, die ihr angethan worden war. Von ihrer Krankheit, von ihrer Verirrung sprach ihr Mann; die Aerzte, die Welt würde davon sprechen; Nachsicht und Mitleid würde man ihr zu Theil werden lassen – und Achtung, äußere Achtung vielleicht auch wieder, ja – das – –
Der Todte aber hatte sie besser gekannt, als alle lebenden Menschen. Er allein wußte, daß sie eine Schuldige – eine Ehrlose war.