»Der Tod ist der Sünde Sold«, das war das letzte Wort, was er ihr zurief von seiner blutigen Bahre. In frivolem Spotte hatte er gespielt mit dem Gedanken an ewige Dinge, und als dann der Tod kam, klammerte er, der Freigeist, sich an die Verheißung des Christenthums von der Gnade Gottes und dem ewigen Leben in Christus.

O, wie sie sich schämte; in der Tiefe ihrer Seele verging sie in Scham und in Reue. »Der Tod ist der Sünde Sold.« Es war ihr plötzlich wie eine Offenbarung. Auf seinen Grabstein sollte man den Spruch setzen. Aber der Spruch war für sie. Wenn Menschen schweigen, so reden die Steine. Zu ihr, nur zu ihr sollte er sprechen, dieser Stein; nur für sie galt die furchtbare Mahnung: »Der Tod ist der Sünde Sold.«

Mit einem wilden Schrei griff sie nach ihren hämmernden Schläfen. Dann stürzte sie vorwärts und riß die Schnur von ihrem Halse, an der sie den Schlüssel verbarg zu ihren »Schätzen.«

Sie kniete nieder an dem Schränkchen und schloß es mit zitternden Händen auf. Da standen sie alle, alle die kleinen Gläser, die sie bei dem Todten gefunden, es fehlte nicht eins.

Das erste beste ergriff sie und setzte es an die Lippen. Sie fühlte ein scharfes Brennen, aber sie wollte es überwinden, das Gläschen leer trinken.

Da ging hinter ihr eine Thür auf. Hedwig Wagner trat ein, nahm ihr mit ruhiger Bestimmtheit das Gläschen vom Munde und verschloß den Schrank.

»Das geht nicht, gnädige Frau. Der Professor wird Ihnen so viel Morphium zutheilen, wie Sie bedürfen, um nicht zu leiden,« sagte das Mädchen.

Lydia antwortete keine Silbe. Scheu und traurig begegnete ihr Blick dem der Bonne. Dann verließ sie das Zimmer. Sie stieg die Treppe hinauf, mit einer Hand hielt sie ihr Kleid, die andere lag an der Stirn. »Die Steine reden, die Steine rufen.« – Leise und stockend sagte sie das vor sich hin, wieder, immer wieder.

Sie ging die ganze Treppe hinauf, schritt über den Boden, noch eine kleine Treppe höher und stieg endlich durch eine Klappe auf das platte Dach des hohen Hauses. Ein niedriges Geländer umgab die Plattform.

Lydia beugte sich darüber hinweg und starrte hinab auf das Steinpflaster des Hofes vor den Stallungen und Remisen.