Die Wärterinnen hielten sich, so lange bis ihnen eine genaue Angabe ihrer Arbeit zu Theil wurde, auf dem breiten Corridor auf und klatschten.
Das Elend einzelner Kranken, ihre Lebensverhältnisse, sowie die persönlichen Angelegenheiten der Aerzte und Schwestern bildeten den Gesprächsstoff. Die schauerlichen Einzelheiten der schwersten Unglücksfälle wurden mit wonnevollem Eifer besprochen, und hatte eine von diesen Mädchen und Frauen ein entsetzliches Menschenschicksal in kurzen Worten, und von den Ausrufen der Anderen oft unterbrochen, geschildert, so war auch gleich eine Andere da, die aus ihrer Spitalerfahrung etwas noch Trostloseres, noch Krasseres zu berichten wußte.
Trotz des tieftraurigen Gegenstandes, der bei der Unterhaltung vorherrschte, klang doch zuweilen ein unterdrücktes Kichern, ja sogar lautes Lachen aus diesem Kreise.
Die Oberschwester hatte den jüngeren Pflegerinnen die nöthigsten Anweisungen für die Nacht ertheilt und durchschritt nun den Corridor, um ihr Zimmer aufzusuchen. Die Wärterinnen, obgleich sie »weltlich« waren, drückten sich schweigend und zum Theil verlegen an die Wände, um in tiefster Ehrfurcht die würdige Dame an sich vorbeigehen zu lassen.
In keinem von Männern versehenen Dienst- oder Verwaltungszweige herrscht eine so unbedingte Unterordnung unter die Person des Vorgesetzten, wie in dem weiblichen Staatshaushalte eines kirchlichen Jungfrauenordens.
Das ganze weibliche Personal der Klinik unterwarf sich bedingungslos den Befehlen und Anordnungen der Schwester Domina, die als Leiterin der Anstalt hier voll und ganz die Würde der »Frau Mutter« vertrat.
Die Schwestern verließen das Operationszimmer, in welchem sie die Anordnungen ihrer Oberin empfangen hatten und traten auf den Corridor hinaus, um sich nach den Wärterinnen umzusehen, die ihnen für die schwersten Arbeitsleistungen der Nacht zur Hilfe zugetheilt waren.
Schwester Coelestina von der sechsten Männerstation erhielt allein drei Gehilfinnen für ihren Saal, Schwester Theophila ging mit zwei bewährten Hilfskräften nach der Diphteritis-Abtheilung der Kinderstation. Fast jede Schwester entfernte sich in Begleitung einer Wärterin, nur Schwester Clarissa schlug allein den Weg nach der dritten Frauenstation ein. Die Schwester Domina war der Ansicht, daß auf dem dritten Frauensaale momentan kein so schwerer Fall vorliege, daß die Stationsschwester nicht allein damit fertig werden sollte.
Lautlos, fast wie schwebend bewegte sich die dunkle, schlanke Gestalt der jungen Nonne durch die langen, schwach beleuchteten Gänge des großen Krankenhauses.
Im Hörsaale brannte das Gaslicht noch mit voller Flamme. Das war eine Nachlässigkeit des Heilgehülfen, dem die Reinigung und Ordnung dieses Raumes oblag. Schwester Clarissa verzichtete darauf, den Mann zur Erfüllung seiner Pflicht herbeizurufen, sie stieg auf einen Stuhl und erhob die Arme, um das Licht herunterzuschrauben. Wie ein dunkler Schatten breitete sich bei dieser Bewegung der Nonnenschleier aus, der ihren Oberkörper verhüllte; das Licht fiel ihr grell in das Gesicht, das sonst durch den Rand der Haube im Schatten gehalten wurde; unwillkürlich legte sie die Hand über die müden, vom Nachtwachen mit tiefen Ringen umgebenen Augen und blickte zur Seite.