Da stand das Gerippe, an dem die jungen Anatomen die ersten allgemeinen Studien über den Knochenbau des menschlichen Körpers zu machen pflegten. Schwester Clarissa war unzählige Male gleichgültig an dieser Erscheinung vorübergegangen, aber jetzt, in der Stille der Nacht schrak sie zusammen, als sie den grau-weißen Schädel so unmittelbar vor sich sah.

Sie schraubte die Gasflamme nieder, faßte mit beiden Händen das Kreuz, das an ihrer Gebetschnur hing und trat leise dem Gerippe gegenüber.

»O Du unergründlicher Gott, wo mag die Seele sein, die in diesem Körper gewohnt hat, ist sie bei Dir? Was aber mag dieser Mensch verbrochen haben, daß seine Gebeine nicht ruhen dürfen, wie die Gebeine Anderer? Ich – eine arme demüthige Magd des Herren – werde in wenigen Jahrzehnten auch nur noch ein Häuflein Gebeine sein,« betete sie, »o Du heilige Mutter, gieb meinem Leibe Ruhe und meiner Seele Erlösung. Wir sind von Erde genommen, und wir werden wieder zum Staube – wir – wir – aber dieser nicht. Seine Knochen sind präparirt, daß sie nicht zerfallen; sie sind mit Draht aneinander befestigt, und statt der heiligen Ruhe des Friedhofes umgiebt sie das lärmende Treiben der academischen Jugend, die in diesem Saale ein und aus geht. Was hat er verbrochen, welches ist die Schuld, die sich so straft, daß der Leib keine Ruhe findet, nachdem das müde Haupt dahingesunken ist auf das Kissen des Sterbebettes?«

Das schöne zarte Gesicht der jungen Schwester nahm einen tief wehmüthigen Ausdruck an. Sie wendete sich ab von dem Gerippe und nahm vom Katheder eine runde flache Glasschale herab.

In der Schale lag ein vom Haupte abgelöstes menschliches Antlitz, ohne Unterkiefer. Die Frau war an einem Krebsleiden gestorben, das sich vom Nasenbein nach der Stirnhöhle ausgedehnt hatte. Aus diesem Grunde hatte einer der Professoren das Gesicht von der Leiche genommen, um an diesem Präparate die Krankheit zu demonstriren.

Rücksichtslos hatte das Secirmesser von den Mundwinkeln aus die Wangen durchschnitten und das Fleisch lag nun da, bläulich grau und eingeschrumpft. Die Augenhöhlen waren tief eingesunken und zeigten eine dunklere Farbe. Schwester Clarissa hatte die Todte, die vor einem halben Jahre gestorben war, gepflegt. Es war eine schöne, sanfte junge Mutter gewesen. Sie hatte gräßlich gelitten, der Gedanke an ihre Kinder, die mit dem Keime des Krebsleidens geboren und nach ihrer Ansicht demselben traurigen Schicksale wie ihre Mutter verfallen waren, hatte ihr das Sterben erschwert. Die junge Nonne hatte die Protestantin veranlaßt, das Abendmahl zu nehmen und hatte ihr dann die Augen zugedrückt. Diese Augen, die sie hier in der Hand hielt, in Alkohol und Aether präparirt.

Die Schwester glaubte an die Auferstehung des Fleisches. Das war ihr gelehrt unter denjenigen Dogmen der Kirche, an die zu glauben ein Erforderniß zur Seeligkeit ist.

Sie betrachtete sich als eine Braut des Herren und in den Kranken, die sie pflegte, erbarmte sie sich des irdischen Leibes dessen, auf den ihre Seele harrte. Mit demüthiger Arbeit und gläubigem Beten wartete sie auf die Stunde, in der der himmlische Bräutigam sie rufen würde zum Hochzeitsfeste. Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch hoffte sie einzugehen zur ewigen Herrlichkeit. Das heilige Feuer eines leidenschaftlichen Glaubens erfüllte die Seele dieses stillen, der Welt abgewandten Mädchens.

Jeder Buchstabe der kirchlichen Lehre war für sie eine Säule, an der man nicht rütteln durfte, ohne den ganzen Tempel zu gefährden, den sie dem Herrn in ihrem Herzen erbaut hatte. Die Auferstehung des Fleisches – ein Satz des Glaubensartikels selbst – aber war einer der Grundpfeiler, auf dem die Lehren, denen sie anhing, beruhten. Wie war dieser Lehrsatz aber zu vereinen mit diesem künstlichen Erhalten menschlicher Reste, das sie täglich und stündlich vor Augen hatte?

Sie erinnerte sich genau, daß ein junger Arzt damals mit einem Photographen nach der Anatomie gegangen war, um den Kopf der Todten, nachdem das Gesicht bis auf Unterkiefer und Zunge abgenommen war, zu photographiren. Die Theile, an denen die Krankheit ihr Zerstörungswerk vollbracht hatte, waren in der Photographie roth bezeichnet und das entsetzliche Bild war im Hörsaale den Studenten erklärt worden.