In grübelnden Gedanken verließ die Schwester das Auditorium und begab sich nach ihrer Station, um die Wache anzutreten.

Zu beiden Seiten des Saales lagen im Halbdunkel die Reihen der Betten. Die harten schmalen Lagerstätten waren weiß gedeckt. Weiß und sauber war die Kleidung der Kranken. Zwischen je zwei Betten war ein genügend großer Zwischenraum, um mehreren Personen freie Bewegung zu gestatten.

Da war kein weiches Kissen, in das die Köpfe der Schlafenden hätten einsinken können; keine Federdecke verwischte die Linien der ruhenden Körper, die sich hoch und meistens in unschönen Linien von den Matratzen abhoben, auf denen sie nur durch eine leichte wollene Decke verhüllt waren. Übrigens war das kein Nachtheil, denn es war warm im Saale; aber manche Kranke stöhnte doch und konnte keinen Schlaf finden auf diesen hygienisch correcten jedoch ungewohnt steifen Kissen.

Zwanzig Frauen und Mädchen befanden sich in dem Saale, darunter war indeß keine Schwerkranke. Die Oberschwester hatte gesagt, daß auf keinen Fall im Laufe der Nacht ein Todesfall zu erwarten sei.

Das Isolirzimmer der Station war leer.

Tröstend trat die bleiche Nonne an die verschiedenen Betten. Sie legte hier das Polster zurecht, strich dort die Tücher glatt, legte Eisbeutel auf die Stirn der Fiebernden und hielt das Trinkglas an heiße, durstige Lippen.

Im Allgemeinen hatte sie keine schweren Hilfsleistungen zu thun und ihre Vorgesetzte hatte Recht, wenn sie meinte, daß eine Wärterin hier überflüssig sei. Die Dienste der Wärterinnen mußten aus der Hauskasse besonders bezahlt werden.

Gegen zehn Uhr war es ziemlich still im Saale. Schwester Clarissa kniete vor dem Muttergottesbilde mit der kleinen Lampe in der Ecke und betete ihre vorgeschriebene Zahl ab. Die Kranken waren ruhig, zum größten Theil schliefen sie.

Plötzlich war es der wachehabenden Nonne, als höre sie das Glockensignal des Portiers. Sollte irgendwo ein Mensch verunglückt sein und wurde in der Nacht in die Klinik geschafft? Schwester Clarissa hatte das oft erlebt, sie vermuthete es auch jetzt, aber sie verließ ihren Saal nicht, um nachzusehen.

»Was nicht zu Euch kommt, kümmert Euch nicht.«