Dieser Grundsatz, der allerdings der weiblichen Neugierde schnurstracks entgegenläuft, wird den Novizen tausend und aber tausendmal eingeprägt. Bei Schwester Clarissa war er in Fleisch und Blut übergegangen, sie blieb ruhig bei ihrer Andachtsübung, trotzdem sie deutlich hörte, daß Schritte und Männerstimmen auf den Gängen der Station hörbar wurden. Dazwischen klang zuweilen ein einzelner, schriller, wie thierischer Laut.

Einige Kranke richteten sich auf. »Bleiben Sie ruhig liegen, es wird ein Kranker gebracht, unser Saal ist voll, wir werden auf keinen Fall gestört,« – so redete sie auf ihre Schutzbefohlenen ein.

Einige ängstigten sich bei den wilden unarticulirten Tönen, Andere wollten aus Neugierde aufstehen, aber sanft und bestimmt brachte die Schwester Alle zur Ruhe und hielt die Ordnung im Saale aufrecht.

Jetzt erschien ein Arzt in der Thür. »Schwester Clarissa, Sie bekommen jemanden in Ihr Isolirzimmer, haben Sie keine Wärterin?« fragte er.

»Nein, Herr Doktor, hier ist nichts Besonderes zu thun,« antwortete sie freundlich.

Einen Augenblick blieb die hohe, elegante Gestalt des jungen Arztes zögernd in der Thür stehen. »Das ist sehr unangenehm,« sagte er, »ich glaube, es ist kein anderes Isolirzimmer im Hause frei.«

»Auf den Frauenstationen nicht,« bemerkte ein Wärter, der sich neugierig näherte.

»Nun, dann müssen Sie eben Rath schaffen, Schwester,« entschied der Stationsarzt.

Er öffnete die Thür zum Isolirzimmer, und die Nonne eilte noch einmal in den Saal zurück. Sie trat an das Bett einer gutmüthig aussehenden Frau in mittleren Jahren, die Reconvalescentin war. »Wenn hier etwas nöthig ist, so klingeln Sie bitte, Frau Schulz,« flüsterte sie, »ich habe hier nebenan zu thun.«

Die Frau nickte verständnißvoll, und Schwester Clarissa huschte hinaus.