Als sie das kleine überaus einfache Zimmer neben dem großen Saale betrat, sah sie dort eine Bahre stehen, auf der eine weibliche Gestalt in dunklen Umrissen zu erkennen war. Die beiden Träger entfernten sich, und der Schutzmann, der den Transport geleitet hatte, blieb allein mit dem Arzte, dem Wärter und der Schwester zurück.

»Sie können mir also in keiner Weise Aufklärung darüber geben, wer die Person ist?« fragte Dr. Schlüter den Beamten.

»Herr Doktor, ich habe sie in einer Scheune gefunden, ganz verkommen, ohne Bewußtsein, ohne Nahrung, niemand war bei ihr. Von der Polizeiwache aus hat man mich mit ihr hierher geschickt. Der Besitzer der Scheune wird ja wohl irgend eine Auskunft geben können, es ist von der Polizei aus schon nach ihm geschickt.«

»Wenn wir die Kranke aufnehmen sollen, muß ich doch wissen, wer für sie bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen sind durch städtische Arme besetzt und ohne meinen Chef zu fragen, darf ich niemanden aufnehmen, dessen Papiere fehlen.«

»Schicken Sie nach dem Armenvorstand. Herr Doktor, die Polizei kann doch keinen todtkranken Menschen auf der Straße verhungern lassen.«

Doktor Schlüter sah das ein. »Für diese Nacht will ich sie behalten,« erklärte er zögernd, »das Weitere muß sich morgen früh finden.«

»Zu Befehlen, Herr Doktor,« antwortete der Schutzmann, machte kehrt und verließ mit dröhnenden Schritten das stille Haus der Leiden und Schmerzen.

Schwester Clarissa hatte wiederholt versucht, sich der leblosen Gestalt zu nähern, aber ein fürchterlicher Geruch, wie von einer verwesenden Leiche hatte sie stets wieder von der Bahre verscheucht. Trotzdem bewiesen die entsetzlichen Töne, die zuweilen aus dem weit offenen Munde der Bewußtlosen drangen, daß noch Leben in dieser schwarzen, formlosen Masse war.

Mit einem Ausrufe des Ekels fuhr der Arzt zurück, als er sich niederbeugte, um zu sehen, was für eine Verletzung oder Krankheit hier eigentlich vorliege.

»Ich kann sie erst untersuchen, wenn sie gebadet ist,« sagte er. »Jahn, Sie müssen der Schwester helfen. Hier kommt es nicht darauf an, ob ein Mann oder eine Frau anfaßt; wenn Sie nicht fertig werden, holen Sie noch einen Wärter.«