Ohne sich weiter zu wundern, hing sich der Wärter den Traggurt der Bahre über die Schultern; Schwester Clarissa faßte am anderen Ende an, und der Arzt folgte den Beiden nach der Badestube.

Während die Schwester die Wasserleitung aufdrehte, versuchte Jahn die klebrigen Lumpen von dem menschlichen Körper zu entfernen, der da vor ihm lag.

Bei der völligen Unbeweglichkeit der Glieder ergriff er eine Scheere und schnitt das Zeug streifenweise vom Leibe der Bewußtlosen.

Die Nonne hatte inzwischen das Bad zurechtgemacht und wandte sich dem Wärter zu, um ihm behülflich zu sein. Sie war seit zwei Jahren in der Klinik und hatte schon manchen blutigen und manchen widerwärtigen Anblick ertragen; aber als sie sich jetzt mit der Scheere in der Hand über den stinkenden Körper dieses Weibes beugte, stieß sie einen leisen Schrei aus und sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl nieder.

Wie eine dunkle Flüssigkeit rieselte es aus den Kleidern heraus, an der Bahre herab auf die Steine des Bodens. Aber nicht Blut und Schlamm, sondern jaucheartiger Schmutz und Haufen von Ungeziefer bedeckten diese Gestalt und diese Kleider. – Doktor Schlüter erkannte, daß die Aufgabe dieses Bades über weibliche Kräfte ging und rücksichtslos schellte er nach dem Oberwärter der nächsten Männerstation. Als dieser erschien, zog er sich selbst zurück, denn die Luft in dem kleinen, heißen Raume fing an unerträglich zu werden.

Die beiden Männer rissen die Reste der Lumpen herunter, legten den kaum noch erkennbaren Frauenkörper ins Wasser, bearbeiteten ihn mit Seife, Karbol und Bürsten und die Schwester sammelte die schmutzigen Zeugstücke in einen Sack, der später im Kesselhause verbrannt wurde. Dann reinigte und desinfizirte sie den Raum, schnitt die Haare der Gebadeten dicht an der Kopfhaut ab, und die beiden Wärter erneuerten mehrmals das Wasser in der Badewanne, ehe sie die jetzt furchtbar schreiende und tobende Person abrieben und auf der Bahre festbanden.

Der Oberwärter wendete sich mitleidig an die barmherzige Jungfrau: »Was, fromme Schwester, das haben Sie sich nicht gedacht, als Sie ins Kloster gingen, daß Ihnen mal so etwas – solche – erlauben Sie gütigst – Schweinerei unter die Finger kommen würde?«

Schwester Clarissa neigte das Gesichtchen tief über die Bahre. »Je schwerer die Arbeit ist, um so größer ist die Abtödtung des irdischen Menschen und seiner sündigen natürlichen Empfindungen,« antwortete sie. »In unserem Brevier steht: Du sollst wie eine Leiche werden.«

»Meine Tochter möchte auch ins Kloster, aber wenn sie nach einem solchen Brevier dort leben müssen, dann werde ich mir doch erst noch einmal überlegen, ob ich's erlaube,« brummte der Mann. Dann faßte er mit Jahn die Bahre an, und der traurige Zug bewegte sich langsam zurück nach der dritten Frauenstation.

Dr. Schlüter wurde nun wieder geholt und die beiden Wärter entfernten sich, als sie sahen, daß die Unglückliche sich auf dem warmen, trockenen Lager einigermaßen ruhig zu verhalten schien.