»Da scheint uns ja die Polizei ein nettes Subject hergeschickt zu haben,« bemerkte er im Eintreten, »Sie haben mir wirklich leid gethan, Schwester Clarissa.«

Die Kranke brüllte auf wie ein Thier.

»Um Gotteswillen,« rief der Arzt nervös, »die ganze Station kommt ja in Aufruhr, machen Sie so schnell wie möglich eine Morphiumeinspritzung.«

Die Schwester holte das kleine Etui aus der Tasche, füllte die Spritze an einem Wandschranke und kniete am Bette nieder, um an dem abgezehrten, bräunlichen Körper eine geeignete Stelle zu suchen, wo sie den Stich machen konnte.

Der junge Mann ließ dabei unwillkürlich sein Auge auf ihrem edlen, durchgeistigten Antlitze ruhen.

Die Nonne war höchstens zwei oder dreiundzwanzig Jahr alt; seit zwei Jahren war sie hier, ein Jahr war sie als Lehrschwester im Mutterhause gewesen, und drei Jahre hatte sie, wie jede Andere, im Noviziate zubringen müssen. Sie hatte also mit sechszehn oder siebenzehn Jahren schon die Welt verlassen.

Dr. Schlüter hatte sehr freie religiöse Ansichten und glaubte eigentlich auch nicht an vollkommene Frauentugend. Seit zwei Jahren aber sah er dieses wunderschöne Mädchen in seinem frommen, aufopfernden Wirken, in seinem stillen Entsagen.

Er war ein sehr hübscher Mann und in der Gesellschaft, sowie bei seinen Patientinnen fand er zuweilen ein Entgegenkommen, das durchaus geeignet war, seine wenig idealen Anschauungen von der Frauenwelt zu bestätigen.

Wie sonderbar war es doch, daß dieses junge Mädchen ihn noch nie anders angesehen hatte, als mit dem ruhigen Blick einer Gehülfin, die genau aufpaßte, wenn er sprach, um seine Anordnung gewissenhaft ausführen zu können. Sollte es denn möglich sein, daß ein Weib wunschlos aufwuchs und ohne Anfechtung durch's Leben gehen konnte, um wunschlos zu bleiben und wie eine Heilige zu sterben?

Er verglich das süße, fromme Gesicht mit den verzerrten Zügen des verkommenen Weibes, dem sie in liebevoller Selbstverleugnung diente. War es möglich, daß diese beiden Frauen einer Welt, einer Kultur, einem Vaterlande angehörten? Er sann und sann, er begriff den Abgrund, in den das verlorene, sterbende Geschöpf versunken war; aber er begriff die Höhe nicht, auf die der Engelsfittich des Glaubens das reine Mädchen gehoben hatte, hoch, hoch empor über alle anderen Frauen, die er kannte und vor denen sie doch bescheiden zurücktrat.