Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Das wäre doch der größte Geniestreich meines Lebens, wenn ich mich in eine schöne Nonne verlieben würde, wie der selige Luther,« sagte er zu sich selbst.
Das Morphium hatte inzwischen seine Wirkung gethan, und Schwester Clarissa fragte, ob sie etwas zur Untersuchung holen solle.
»Nein, nein, ich danke, ich habe Alles bei mir,« sagte er hastig und setzte sein Hörrohr auf die Brust der Kranken.
Die Untersuchung dauerte ziemlich lange, es herrschte Todtenstille in dem kleinen Zimmer. Doctor Schlüter trat vom Bett zurück und sah sehr nachdenklich und ernst aus.
»Schwester,« sagte er, »es wäre ja eine Schmach für die Armenpflege und schließlich sogar für die Polizei, aber ich glaube, wir haben hier den Hungertod vor uns.«
»Sie lebt ja noch, wenn es das ist, wird sie zu retten sein,« entgegnete die Schwester sanft.
»Kaum,« antwortete er. »Sie ist am Typhus erkrankt, hat sich vielleicht selbst in jene Scheune geschleppt, wo man sie gefunden hat, und hat dort ganz allein bewußtlos und ohne jede Pflege gelegen. Bewegen konnte sie sich nicht, niemand sah nach ihr und so ist sie am Ende verhungert. Es mögen neun oder zehn Tage her sein, seit der Magen zum letzten Male Nahrung erhalten hat, die Krankheit hat das Uebrige gethan, und wir haben hier nun das letzte Stadium des Hungertyphus. Versuchen Sie immerhin, ihr etwas Rothwein oder Milch zu geben.« –
Die Schwester war nicht entsetzt, lange nicht so erschüttert wie der Arzt. Ein Menschenleben – was war das denn in der Fülle der Ewigkeit? Aber eine Menschenseele – sicher hatte die Unglückliche die Tröstungen der Religion noch nicht empfangen. Sie war im Begriffe, die letzte Reise anzutreten, ohne die Wegzehrung, die die Kirche dafür spenden kann, empfangen zu haben.
»Wird sie noch einmal zu sich kommen?«
Er sah überrascht auf bei der ängstlichen Frage, dann lächelte er. – »Ach so, ich verstehe, sie soll wohl noch communiciren? Nein, Schwester Clarissa, dazu ist es zu spät. Das Bewußtsein wird wahrscheinlich nicht zurückkehren, weil der körperliche Widerstand gegen das Bad die letzten Kräfte verzehrt hat. Wenn Sie noch etwas für sie thun wollen, so geben sie ihr noch einmal Morphium, wenn die letzten Schmerzen kommen. Gute Nacht, Schwester, ich schicke Ihnen so bald wie möglich eine Ablösung.«