Er wollte gehen, an der Thür kehrte er noch einmal um und trat an das Bett. Er schlug die Decke zurück und fuhr leicht mit der Hand über den erhöhten und gekrümmten Rücken des scelettartig abgezehrten Körpers.
»Eine interessante Verbildung,« sagte er mehr zu sich selbst, als zu der Pflegerin, »eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates und dabei eine Verkümmerung des Brustkorbes, die eine höchst anormale Lage aller inneren Theile bedingt. – Wissen Sie, Schwester, diese Verwachsung ist schuld, daß sie so unheimlich fremdartig aussah, als sie auf der Trage gebracht wurde. – Na, gute Nacht, hoffentlich brauchen Sie mich nicht mehr.«
Er ging jetzt wirklich, und die Schwester kniete nieder mit dem Rosenkranze in beiden Händen. Sie küßte das Kreuz und fing dann an, den theilweise sinnlosen Text eines alten Sterbeliedes zu beten: »O Du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes – – – – – – – – – – – –«
Sie betete so lange wie die Leidende ruhig blieb. Bei dem ersten wilden Schrei, der aus dem noch immer offenen Munde drang, erhob sie sich und führte die Schlundsonde ein.
Zuerst versuchte sie etwas Milch zu geben, aber der erschöpfte Magen nahm sie nicht mehr an. Die Pflegerin vermischte nun Rothwein mit einigen Tropfen Morphium und flößte das ein.
Der Versuch erwies sich als unausführbar, die Rettung kam wirklich zu spät, die Auflösung hatte augenscheinlich schon begonnen. Angstvoll betrachtete die junge Schwester das gelbe, häßliche, von schwarzen Flecken entstellte Gesicht. Sie wartete auf ein letztes Wiederaufdämmern des Bewußtseins.
Vergebens – geheimnißvoll und grausig trat der Tod ein und erfüllte mit seiner Nähe das enge Gemach.
Sie fühlte die Gewalt der unsichtbaren Macht, die dieses verlorene Leben an sich riß und erwürgte, aber sie war hülflos dem Dämon gegenüber, den sie so gerne verscheucht hätte bis der Tag kam, bis ein Priester geholt werden konnte, der nach dem Glauben der Nonne im Stande war, die Engel der Verdammniß zu verscheuchen, die ihre Krallen ausstreckten, um diese Seele zu sich hinabzuziehen in das ewige Nichts.
Sie hatte schon an manchem Sterbebette gebetet, und sie kannte den Tod. Oft war ihr gewesen, als wären drei Personen im Zimmer, sie und der Sterbende und eine milde, himmlische Lichtgestalt, die einen müden Erdenpilger mit sanfter Hand hinüberführte in die ewige Heimath. Wie einen trauten Freund hatte sie ihn oft willkommen geheißen den Verklärer und Erlöser, dessen Nähe das Ende aller Qual und den Anfang des wahren Lebens bedeutete.
Wie anders war das an diesem Sterbebette! In ihrer jungfräulichen Reinheit ahnte sie, daß sie eine Verlorene vor sich hatte. Die verfallenen Züge sprachen von einem wüsten, wilden Leben in Elend und Schuld. Diese wie Vogelklauen gekrümmten Finger hatten gewiß niemals die Gebetschnur gehalten, sich niemals gefaltet erhoben zum Altare des Herrn.