Tiefer, tiefer Unfrieden, der ganze Jammer des Lasters hatte diesen Zügen seinen Stempel aufgedrückt. Dieses Weib war sicher eine entsetzliche Megäre gewesen, vielleicht war sie nicht einmal vor den gemeinsten Verbrechen zurückgeschreckt. –
Nun kam der Tod. In finsterer Nacht der Bewußtlosigkeit nahm er sie hin, die betende Nonne fühlte seinen eisigen Hauch, der den Körper der Sterbenden umhüllte.
»O, wie furchtbar ist doch das Sterben derer, die nicht Gottes Kinder sind,« seufzte sie und sah dann zu, wie eine entsetzliche körperliche Qual die Brust der Sterbenden umklammerte. Sie wischte ihr den kalten Schweiß von der Stirn und lauschte auf ihr Stöhnen und Aechzen.
Jetzt bewegten sich die Lippen, die so starr und bläulich bisher offen gestanden hatten. »Hund, verfluchter Hund« tönte es leise und dann ein Fluch, der halb erstickt und unverständlich blieb.
Schwester Clarissa machte das Zeichen des Kreuzes über das Bett, da fuhr die Hand der Sterbenden gegen ihren Arm, das Kreuz blieb unvollendet und der Schwester war es, als ob eine finstere, unheimliche Macht diese Bewegung mit dem Gliede der Sünderin ausgeführt habe, um das Heil zu hindern, das sich mit dem Zeichen des Segens auf die Unglückliche hätte hernieder senken können.
Sie wagte nicht, den Kreuzschlag zu wiederholen, sondern griff fast mechanisch nach der Morphiumspritze in ihrer Tasche, um der Sterbenden die letzte Erleichterung zu verschaffen, die Menschenhände ihr gewähren konnten.
Dann wachte sie an diesem Sterbebette die ganze endlos lange Nacht hindurch. Sie war überzeugt, eine ahnende Erkenntniß von den ewigen Qualen der Unseligen erhalten zu haben und bat alle Heiligen und Märtyrer, ihr Jammer und Leid im Erdenleben zu Theil werden zu lassen, damit sie, wenn ihr Ende nahte, dereinst mit dem Namen des Herrn auf den Lippen aus diesem Leben scheiden könne.
Die Verhungerte litt entsetzlich. Nie hatte die junge Schwester einen ähnlichen Todeskampf gesehen. Wild bäumte der verkrüppelte Körper der Sterbenden sich in die Höhe, die Schwester mußte förmlich mit ihr ringen, um sie nieder zu halten auf dem Lager. Schließlich legte sie ihr einen Gurt über Brust und Beine und befestigte die Schnallen unter der Bettstelle, wie bei einer Tobsüchtigen.
Nun folgte ein leises Wimmern, dann ein Stöhnen und Jammern der höchsten Angst, und doch war der ganze Kampf nur körperliche Auflösung, der Geist kehrte nicht wieder zurück in diese elende Hülle.
Als der Morgen dämmerte, änderte sich die Farbe des Gesichtes. Die große fleischige Nase wurde weiß, die Wangen überzog eine fahle Blässe, die Schatten um die Augen vertieften sich, die Lippen färbten sich schwärzlich.