Die Fittiche des Todesengels rauschten über dem Lager – ein letzter wilder Schmerzensschrei erscholl, ein Zucken fuhr durch alle Glieder .....

O du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes ...

Die Nonne betete an einem Todtenbette.

Mit linder Hand drückte sie die Lider auf die gebrochenen Augen herab, legte ein Tuch über das Gesicht der Leiche und kehrte zurück an den Altar im Saale, um vor dem Gnadenbilde ihre Gebete fortzusetzen.

Am anderen Morgen erschien ein evangelischer Oberprediger in der Klinik. Die Vorstandsdamen des Frauenvereins ließen durch ihn ihre Unterstützung anbieten. Man hatte erfahren, daß eine unbekannte Frauensperson in bewußtlosem Zustande eingeliefert war, und man erklärte sich bereit für die Unglückliche und Nothleidende einzutreten.

Dr. Schlüter hörte die großmüthige, liebenswürdige Rede des geistlichen Herrn ruhig an.

»Ich bedaure, daß Sie sich umsonst bemüht haben, Herr Oberprediger,« sagte er, »die fragliche Kranke ist bereits im Laufe der Nacht gestorben.«

»O, das bedaure ich aufrichtig. Hoffentlich wird man die Leiche recognosciren – jedenfalls, wie dem auch sein möge – die Begräbnißkosten – –«

»O, bitte Hochwürden,« unterbrach ihn der lächelnde Arzt, »von Begräbnißkosten kann gar keine Rede sein, wir besorgen das schon von der Anatomie aus.«

»Wirklich? Das ist ja sehr menschenfreundlich, dann habe ich hier wohl nichts mehr zu thun und werde meinen Damen Bericht erstatten.«