Der Arzt sah das reizende Geschöpf von seinem Zimmer aus. Er bemerkte, daß sie weinte und ging hinaus in den Garten, um sich ungenirt neben sie auf die Bank zu setzen.

»Warum weinen Sie, Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch todt für die Welt. Wie ist es möglich, daß ein irdischer Kummer den Frieden stören kann, den Sie gefunden haben?«

»Ich habe einen Zweifel.« – Zögernd, gepreßt rang sich das Geständniß von ihren bebenden Lippen. Der Zweifel mußte sie wohl sehr beunruhigen, daß sie sich entschloß, ihn vor einem Kinde der Welt laut werden zu lassen.

»Sie – einen Zweifel?« Er war mehr als erstaunt. »Natürlich meinen Sie einen religiösen Zweifel, nicht wahr?«

»Nicht ganz,« antwortete sie ängstlich, »es ist eigentlich ein historischer Zweifel.«

»Wie – was?«

Sie erklärte ihm schnell, was sie meinte. »Sehen Sie, ich lese das Leben der h. Agathe. Das Buch ist mit hoher erzbischöflicher Genehmigung herausgegeben und besonders für Ordensfrauen zum Lesen bestimmt. Sie wissen ja, wie die Heilige verstümmelt wurde, weil sie dem Kaiser Diocletian nicht als Heidin anhängen wollte.

Nach ihrer Marterung verließ sie der Kaiser, und sie blieb sterbend in den Armen der ihren zurück. Da – da schritt über den Markt die Jungfrau Maria.« ....

»Nun und was weiter?«

»Herr Doctor, die Jungfrau Maria war schon lange todt, als der Kaiser Diocletian lebte.«