Die Nonne aber vertraute ihr Leid nicht dem Arzte, sondern dem Beichtvater. Der Priester hatte nicht die Einsicht, sie seinerseits an einen Arzt zu weisen, sondern sagte ihr, die ohnehin von drei Nächten nur zwei schlief – sie möge ihren Leib kasteien und von den Stunden, die ihr zum Schlafe gewährt seien, noch eine in jeder Nacht der Fürbitte widmen.

So betete und wachte das zarte junge Mädchen und hoffte, eine Verdammte damit zu erlösen. Der Kaplan aber hatte das Richtige getroffen, um ihr die Ruhe zurückzugeben. Er kannte ganz genau den Glaubenszwang, der auf die Seelen der Novizen ausgeübt wird.

»Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden Gott schauen.« Nach diesem Grundsatze behandelte er seine Beichtkinder, sofern sie Ordensleute waren.

Schwester Clarissa glaubte, daß sie ein Werk zur Seligkeit thue und fühlte sich glücklich dabei. Körperlich aber überstieg die Sache ganz entschieden ihre Kräfte.

Ihr zartes Gesicht nahm eine durchsichtige Blässe an, die Hände kamen wachsweiß aus den schwarzen Aermeln hervor, und die großen grauen Augen leuchteten mit verklärten Blicken unter dem dunklen Nonnenschleier, der über der weißen Stirnbinde lag.

Dr. Schlüter sah die Veränderung, die mit ihr vorging. Er versuchte ihr Vertrauen zu erlangen, aber das war ganz vergeblich.

All seinen theilnehmenden ärztlichen Fragen nach ihrem Befinden wich sie scheu und verlegen aus. Er brachte nichts aus ihr heraus und wendete sich deshalb an die Schwester Domina.

Sofort befahl die Oberin, daß Schwester Clarissa wegen nervöser Folgen von Ueberanstrengung auf einen Monat von allen Nachtwachen zu dispensiren sei. Außerdem wurde ihr erlaubt, jeden Nachmittag eine Stunde im Garten der Anstalt zuzubringen.

Diese Maßregeln waren der jungen Schwester außerordentlich unangenehm, indessen die Gefühle der Ordensleute werden so eingezwängt und eingeschraubt durch die seelische Bevormundung, die ihnen zu jeder Zeit zu Theil wird, daß eine Nonne ein für alle Mal jede Aeußerung ihrer Gefühle unterdrückt und sich schweigend fügt.

Es war grade Hochsommer, und der Aufenthalt in der freien Luft schien wirklich eine Spur von rosiger Farbe auf das weiße Gesichtchen in der düsteren Umrahmung zu zaubern. Dr. Schlüter sah sie mit Befriedigung auf einer Bank sitzen unter einer blühenden Linde. Die schmalen weißen Hände hielten ein Buch. Unter den gesenkten Wimpern tropften schwere Thränen hervor und fielen auf die Blätter.