Früh, ehe der Kirchhof belebt wurde, grub man dort ein Loch und schüttete es zu. Die Winde des Himmels aber trugen Samen darauf von Kräutern und Gras. Es wächst überall eigenthümlich üppiges Gras in den vergessensten Winkeln der Kirchhöfe.
Die Polizei stellte unermüdliche Nachforschungen an nach jenen Vagabunden, die ein sterbendes Weib hülflos und allein in einer baufälligen Scheune verlassen hatten.
Die Schuldigen wurden ermittelt und wegen fahrlässiger Tödtung verhört, man konnte ihnen aber nichts nachweisen und ließ sie laufen.
In der Klinik erschien ein Polizei-Commissar, um in den Papieren der Anstalt nachträglich den Namen jener Todten einzutragen, die hier geendet hatte, ohne daß man wußte, wer sie war. Sie hieß Karoline Schwarz; der Beamte theilte es dem Stationsarzte mit, der gleichgültig die Achseln zuckte.
»Ich kann sie Ihnen übrigens zeigen,« sagte Dr. Schlüter und führte den Herrn in den Hörsaal vor ein prachtvoll aufgebautes weibliches Gerippe. Man sah die Fehler, die die Natur bei der Bildung dieser Knochen gemacht hatte, und das erschien den Herren außerordentlich interessant.
Für Schwester Clarissa war die Aufstellung dieses Präparates »eine Anfechtung« – wie der kirchliche Ausdruck dafür lautet.
Sie war nicht im Stande, daran vorüberzugehen wie an den anderen anatomischen Gegenständen ihrer Umgebung. Sie konnte diese grau-gelben Knochen nicht sehen, ohne an den grausigen Todeskampf zu denken, den sie mit angesehen hatte. Unaufhörlich stellte sie sich vor, wie die Seele, nachdem sie den Körper verlassen hatte, hindurchgeglitten sei durch das kalte, schaurige, endlose Nichts des Jenseits, um vergebens den Herrn zu suchen und seine Gnade.
Sie glaubte zu ahnen oder beinah zu wissen, wie dann die Teufel die Seele ergriffen hätten und in den ewigen Pfuhl des Fegefeuers geworfen. Und sie, in der heiligen Armuth, die sie gelobt hatte, besaß nicht die Mittel, um Seelen-Messen zu ihrer Erlösung lesen zu lassen.
Der dogmatische Glaube, der bis dahin Halt und Stütze der Jungfrau bei ihrem schweren Berufe gewesen war, bereitete ihr jetzt zum ersten Mal auch Schmerzen.
Hätte sie dem Dr. Schlüter die Unruhe anvertraut, die sie innerlich verzehrte, so würde er wahrscheinlich gesagt haben, sie sei durch Ueberanstrengung in einen krankhaft nervösen Zustand gekommen. Er würde ihr Diensterleichterung und Mittel für Nervenleiden gegeben und sie vielleicht noch von ganzem Herzen bedauert haben.