Einmal lächelte sie auch und sagte: »O ja, damals, als ich noch lebte; aber sehen Sie, ich bin doch nun todt für die Welt.«

Er sah ihre lieblichen Lippen und ihre kleinen weißen Zähne an, wie sie das so lächelnd sagte, und der Sinn ihrer Worte blieb ihm in diesem Augenblicke fremd. Er sah darin eine etwas überspannte, mädchenhafte Auffassung des klösterlichen Berufes, nicht eine Bestätigung des furchtbaren Befehls, den die Kirche ihren Jüngern zuruft: Du sollst wie eine Leiche werden.

Die Schulbildung war da, aber dann war nichts hinzugekommen, als einseitiges medicinisches Wissen, kirchliche Schulung aller Empfindungen und eine gewisse trostlose Lebenserfahrung, deren einzigen Mittelpunkt das Krankenbett bildete. Keine gesellschaftlichen Formen, keine Fähigkeit zum Plaudern und Scherzen.

Und dabei war dieses Mädchen so wunderbar schön! Noch niemals hatte er um eines reizenden Gesichtes willen geistig eine solche Forschungsreise nach Herz und Bildung unternommen wie hier, bei diesem frommen, tüchtigen, klugen Mädchen.

Er bedauerte in seinem Herzen, daß sie Nonne war, nicht weil sie ihn persönlich so sehr interessirte, sondern weil es ihm leid that, daß diesem Geiste ein für alle Mal die Flügel gebunden waren.

Und so wie diese Eine, denken tausende von Mädchen, die den Schleier tragen. Sie dienen der Allgemeinheit still und entsagend. Niemand achtet auf sie, niemand beschäftigt sich mit ihnen. Die Psychologie in der modernen Kunst dringt bis in die tiefste Herzenstiefe der Weltkinder ein, die Kinder der Kirche aber übersieht sie.

»Weltdamen, Schauspielerinnen, Bauernmädchen, Kellnerinnen, ja sogar Dirnen werden beachtet, ans Licht gezogen und interessant gemacht durch das Interesse, das Kunst und Wissenschaft an ihnen nehmen. Ihr Aeußeres wie ihr Seelenleben wird geschildert, wird studirt und wird schließlich rückwirkend durch diese Beachtung, die es findet, beeinflußt. – Wer beachtet, wer schildert das Seelenleben moderner Nonnen?«

Der junge Kliniker machte hier einen schwachen Versuch dazu. Er konnte sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß auch die frommen Schwestern äußerlich mit der Zeit fortschreiten. Sie besitzen, wie er täglich sah, eine große chirurgische Geschicklichkeit und so viel medicinische und sogar anatomische Kenntnisse, daß sie die besten und beliebtesten Gehilfinnen der Aerzte bei der Ausübung ihres Berufes bilden. Aber dennoch war Dr. Schlüter der Ansicht, daß der größte Theil der Schwestern im Denken und Fühlen, im Glauben und Beten zurückgeblieben sei im tiefsten, dunkelsten Mittelalter.

Es würde ihn lebhaft interessirt haben, das Leben der h. Agathe oder auch das der h. Elisabeth einmal durchlesen zu können. Er wußte, daß Schwester Clarissa diese Bücher zuweilen den Kranken, die ihres Glaubens waren, zu lesen gab. Er sah prüfend auf das Gesicht der neben ihm Sitzenden, ehe er es wagte, um diese Bücher zu bitten.

Auf den reinen lieblichen Zügen lag aber nichts, als der Ausdruck himmlischen Friedens. Sie schien mit ihren Gedanken so fern von ihm, so fern von allen irdischen Dingen zu weilen, daß er es nicht wagte, noch einmal wieder ein Gespräch mit ihr anzufangen. Wie unschuldig rein war es doch, daß sie so ruhig neben ihm sitzen blieb und nicht den geringsten Anstoß daran nahm, daß er sie aufgesucht hatte.