Er verabschiedete sich freundlich und kehrte in sein Zimmer zurück, ohne die Bücher, die ihn interessirten, erbeten zu haben. –
Im Laufe der Nacht starb in der Anstalt ein neugeborenes Kind. Es hatte nur wenige Stunden gelebt, und die Mutter wurde, schwer krank an einem typhösen Fieber, aus dem Saale der Wöchnerinnen entfernt und in das Isolirzimmer der dritten Station gebracht.
Schwester Clarissa pflegte die Kranke mit aufopfernder Pflichttreue, aber ohne persönliches Interesse. Wäre das unglückliche Mädchen unter ihren Händen gestorben, so würde sie ruhig für die rechtzeitige Ertheilung der Sacramente gesorgt haben, hätte für ihre Person die vorgeschriebenen Gebete gesprochen und im Uebrigen nicht weiter an den Fall gedacht.
Die Unglückliche starb aber nicht. Die pflegende Schwester sah, wie leise, von Schwäche fast überwältigt, daß Leben und die Besinnung zurückkehrte.
Dr. Schlüter blickte freundlich auf die Kranke herab, wie sie sich aufrichtete und ihn bat, ein paar Minuten bei ihr zu bleiben.
»Gerne Barbara« – er vermied es, sie Fräulein zu nennen – »warum sollte ich wohl jetzt nicht einige Minuten Zeit für Sie haben? Wissen Sie nicht, daß Sie mich schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?«
»Herr Doctor,« stotterte das Mädchen in tiefster Verlegenheit, und über die eingesunkenen Wangen huschte ein Schein von Erröthen. »Herr Doctor waren Sie – Sie auch dabei?«
»Sie meinen bei Ihrer Entbindung, Barbara?«
Sie nickte und sah mit tief unglücklichem Ausdrucke auf ihre mageren Hände herab.
»Nun, mein Gott, was ist denn dabei, ich habe das schon oft erlebt, deshalb brauchen Sie sich nicht zu geniren.«