Er wußte nicht, an welchem Tage er seine Frau zuletzt gesehen hatte, nur ganz allgemein erinnerte er sich, daß es zu Anfang des Sommers gewesen sei.

Noch viel weniger wußte er, wann und durch wen die Frau in die Klinik gebracht und wann sie gestorben war.

Der Privatdocent legte die Hand an die Stirn und besann sich: »Schwarz – Karoline Schwarz« – wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht, den Namen gehört zu haben. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß sie auf meiner Station gestorben sei?«

»Ein Herr auf dem Bureau.«

Herbe Enttäuschung zeigte sich auf den Gesichtern der Fremden. Sie sahen sich rathlos an und schienen gehen zu wollen. Der Arzt empfand Mitleid und mehr aus persönlicher Gutmüthigkeit, als aus dem Gefühl einer Verpflichtung diesen unklaren Angelegenheiten gegenüber, hielt er die Leute zurück.

»Wie war denn das? was fehlte Ihrer Frau, vielleicht fällt es mir wieder ein, erzählen Sie mir etwas von ihrer Krankheit,« sagte er, »oft erinnert man sich besser der Krankheit, als des Kranken, wenigstens was den Namen betrifft.«

Nun begann eine umständliche Erzählung. Das junge Mädchen glaubte oft mit einigen Einzelheiten den Bericht des Vaters ergänzen zu müssen. Die beiden Zuhörer waren erschüttert von dem Bilde menschlichen Leidens und Entsagens, das sich vor ihnen entrollte.

Der Winter war hart gewesen, und die Leute besaßen keine Wohnung, kein Bett. Für die wenigen Pfennige, die sie erbettelten, mietheten sie sich bald hier bald da ein. In gesunden Tagen war ihnen das einerlei gewesen, aber als die Frau krank und mühselig wurde, schleppten sie sich kaum noch von Hof zu Hof. Wenn die Töne der Drehorgel erklangen, fiel es selten einem Menschen ein, die festgefrorenen Fenster zu öffnen und den Hungernden und Frierenden da draußen ein Almosen zu reichen. Sie hätten oft weder Nahrung noch Obdach gehabt, wenn die Tochter, die in Schenken allerniedrigster Art als Liedersängerin auftrat, ihnen nicht zuweilen einige Groschen zugewendet hätte. Die Mutter war schon lange gebrechlich und arbeitsunfähig gewesen. Das mehr als ärmliche Gewerbe des Mannes mußte sie mit ernähren. Etwas Anderes als Brod, Schnaps und höchstens einmal etwas Kaffee oder Kartoffeln hatten die Leute nicht zu verzehren. Nun kam aber das Unglück. Als der furchtbare Winter vorüber war, als das fahrende Volk aufathmete und mit dem neuen Lenze ein neues Leben zu fühlen begann, da wurde das Weib des Orgeldrehers elender, mühseliger und schwächer als je zuvor. Sie versuchte noch Weidenkörbe zu flicken, wie in früheren Jahren, aber Messer und Zange sanken ihr aus den kraftlosen Händen. Die Tochter blieb in der Stadt, und der arbeitsscheue Mann allein hatte für das Weib zu sorgen.

Die Frau konnte kein Brod und keine Kartoffeln mehr vertragen, der Magen verweigerte die Annahme dieser Lebensmittel. – Einige Tage hielt sie sich noch aufrecht durch den Genuß von Branntwein, dann brach sie zusammen.

»Wir hatten damals eine Scheune gemiethet, das heißt, Herr Doctor, die Leute, denen das Caroussel gehörte, bezahlten die Miethe, und wir durften mit darin schlafen, das Weib und ich,« berichtete der Mann. »Ich drehte meine Orgel bei dem Caroussel und hatte einen schönen Verdienst. Da zog der Herr Besitzer weiter. Wenn ich nicht mitging, hätte er in einer Stunde einen anderen Musikanten gefunden, das war doch klar, also was sollte ich machen?«