Darauf marschierten wir weiter und gelangten zur alten Wasserstelle. Die guten Leutchen gaben uns zu verstehen, wir sollten diesen Platz wieder beziehen. Wir fanden aber, daß der Ort für unsre Absichten nicht besonders geeignet sei. Unterdessen hatte sich die erste Vorstellung von unsrer Überlegenheit und die daraus folgende Schüchternheit bei ihnen allmählich verloren, und sie waren inzwischen ganz vertraulich geworden. Sie gingen von der Wasserstelle weiter mit uns weg und führten uns auf einem Umweg in den Wald. Während des Marsches teilten wir Glasperlen und andere kleine Geschenke unter ihnen aus und bemerkten mit Vergnügen, daß sie sehr viel Wohlgefallen daran fanden. Der Umweg, den wir nahmen, betrug nicht weniger als 4–5 Kilometer, und diese ganze Zeit über wandelten wir in Hainen von Bäumen, die mit Kokosnüssen und Brotfrucht überladen waren und den anmutigsten Schatten gaben. Unter diesen Bäumen lagen die Wohnungen des Volkes; sie bestanden meistenteils aus einem bloßen Dache auf Pfosten ohne Seitenwände; der ganze Anblick bestätigte die phantastischen Berichte der alten Dichter von dem Fabellande Arkadien. Was wir indessen gleich anfangs zu unserm Leidwesen feststellten, war der große Mangel an Schweinen; denn auf unserem ganzen Wege sahen wir deren nur zwei, und zudem nicht ein einziges Stück Federvieh. Diejenigen Leute, die mit dem »Delphin« hier gewesen waren und die Verhältnisse kannten, sagten uns, daß sie bisher noch keine Standesperson unter den Eingeborenen bemerkt hätten. Sie vermuteten, daß die Häuptlinge des Volkes irgendwo anders sich niedergelassen hätten. Und als wir an den Platz gelangten, wo ihren Aussagen nach ehemals der Palast der Königin gestanden hatte, fanden wir auf dem Fleck überhaupt keine Spuren mehr davon. Wir entschlossen uns daher, am folgenden Morgen wieder an Land zu gehen, um zu sehen, ob wir nicht die Vornehmen in ihren neuen Wohngebieten aufsuchen könnten.

Ehe wir aber am folgenden Morgen noch aus dem Schiffe kamen, waren schon verschiedene Kanus größtenteils von Westen her zu uns gekommen. Zwei waren voller Leute, die ihrer Kleidung und ihrem Betragen nach Standespersonen sein mußten. Von diesen kamen zwei an Bord, und jeder wählte sich einen Freund. Der eine, der, wie wir erfuhren, Mataha hieß, wählte Banks, der andere mich. Dieser feierliche Vorgang bestand darin, daß sie einen großen Teil ihrer Kleider auszogen und uns anlegten, wogegen wir jedem von ihnen ein Geschenk mit einem Beile und einigen Glasperlen machten. Bald nachher winkten sie uns, wir sollten mit ihnen in ihre Wohnungen kommen, und wiesen dabei nach Südwesten. Da ich nun einen bequemeren Hafen zu finden und die Gesinnungen der Eingeborenen zu erforschen wünschte, willigte ich ein.

Ich ließ also zwei Boote ausheben und ging mit Banks, Dr. Solander, den Offizieren und unseren zwei Freunden an Bord der Boote, um unter Anführung der Insulaner unsere kleine Reise anzutreten. Als wir ungefähr eine Seemeile weit gerudert waren, winkten sie uns, daß wir an Land gehen sollten, und gaben uns zu verstehen, daß dieses der Ort ihres Aufenthaltes sei. Wir stiegen also an Land, und der Zulauf des Volkes war so groß, daß wir uns bald von etlichen hundert Eingeborenen umringt sahen. Man führte uns sogleich in ein Haus, das viel länger war, als wir dergleichen bisher gesehen hatten.

Bei unserm Eintritt bemerkten wir einen Mann, der, wie wir nachher erfuhren, Tutaha hieß. Man breitete uns sogleich eine Matte aus und ersuchte uns, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Bald nachdem wir uns gesetzt hatten, wurden ein Hahn und eine Henne herbeigebracht, die Tutaha Herrn Banks und mir überreichte. Wir nahmen das Geschenk an, und bald darauf erfolgte noch ein anderes: ein jeder von uns bekam nämlich ein Stück Rindenzeug, das nach ihrer Gewohnheit mit etwas Wohlriechendem zubereitet war und ganz angenehm duftete. Sie selbst legten großen Wert auf diesen Umstand und gaben sich viel Mühe, uns diesen Vorzug bemerkbar zu machen. Das Stück, das Banks überreicht wurde, war fast 10 Meter lang und fast 2 Meter breit. Er erwiderte dieses Geschenk mit einem seidenen spitzenbedeckten Halstuche, das er eben damals trug, und mit einem leinenen Schnupftuch. Tutaha legte diesen Schmuck sogleich mit vergnügter und selbstgefälliger Miene an.

Bald nachdem wir und Tutaha einander unsere Geschenke überreicht hatten, führten uns die Damen zu verschiedenen großen Häusern, in denen wir sehr ungeniert umherspazierten. Die Häuser waren, wie ich bereits gesagt habe, außer dem Dache allenthalben ganz offen.

Wir beurlaubten uns endlich von unserm guten Freunde und nahmen unseren Weg längs der Küste hin. Als wir ungefähr ein Kilometer weit marschiert waren, begegnete uns an der Spitze einer großen Menschenmenge ein anderer Häuptling, namens Tuburai Tamaide, dem wir gleichfalls einen Friedensvertrag zu bestätigen hatten. Die Zeremonien einer solchen Bestätigung waren uns jetzt aber schon besser bekannt. Als wir demnach den Zweig, den er uns überreichte, angenommen und ihm einen anderen dagegen gegeben hatten, legten wir die Hand auf die linke Brust und sprachen das Wort »Taio« aus, das unserer Meinung nach »Freund« bedeutete. Der Anführer gab uns hierauf zu verstehen, daß, wenn uns etwas zu essen beliebe, alles dazu in Bereitschaft sei. Wir nahmen sein Anerbieten an und ließen uns eine nach tahitischer Art zubereitete Mahlzeit von Fischen, Brotfrucht, Kokosnüssen und Bananen gut schmecken. Die Tahitier essen einige von ihren Fischen roh und boten uns daher solche ebenfalls an, damit dem Gastmahle gar nichts fehle. Allein für dieses Gericht bedankten wir uns denn doch.

Während dieses Besuches bezeigte eine von den Gemahlinnen unsres edlen Wirtes, die Tomio hieß, Banks die Ehre, sich dicht neben ihn auf dieselbe Matte zu setzen. Tomio war nicht mehr in der ersten Blüte ihrer Jugend; sie schien auch niemals vorzügliche Reize besessen zu haben. Vermutlich aus dieser Ursache erwies auch Banks ihr keine besondere Aufmerksamkeit, und zu noch größerer Kränkung der guten Dame ereignete es sich, daß ihm gerade ein sehr reizendes Mädchen in die Augen fiel, das unter der Menge des Volkes um die Tafel herumstand. Ohne sich also um den Rang seiner Nachbarin zu kümmern, winkte er dem hübschen Mädchen, daß sie zu ihm kommen möchte. Nachdem sie sich ein wenig dazu hatte bitten lassen, kam sie näher und setzte sich zu seiner andern Seite nieder. Nun überhäufte er sie mit Glasperlen und einigen andern Spielsachen, die ihr seiner Meinung nach gefallen mochten. Es kränkte die Prinzessin zwar einigermaßen, daß er ihrer Nebenbuhlerin den Vorzug gab; doch begegnete sie ihm deswegen nicht minder höflich als zuvor und versah ihn immer noch emsig mit Milch von Kokosnüssen und mit allen andern Leckerbissen, die sie von der Tafel herbeiholte. Diese Szene hätte voraussichtlich noch merkwürdiger und rührender werden können, wenn sie nicht plötzlich durch ein ernsthaftes Zwischenspiel wäre unterbrochen worden.

Um ebendiese Zeit beschwerten sich nämlich Dr. Solander und Leutnant Monkhouse, daß ihnen ihre Taschen ausgeleert worden seien. Dr. Solander hatte ein kleines Taschenfernrohr in einem Chagrinfutterale, der Schiffsarzt Monkhouse seine Schnupftabaksdose dabei eingebüßt. Dieser Vorfall verdarb natürlich die gute Laune der Gesellschaft. Man beschwerte sich wegen des erlittenen Diebstahls bei dem Häuptlinge. Und um der Klage größeren Nachdruck zu geben, sprang Banks hurtig auf und stieß schnell den Kolben seiner Flinte auf den Boden. Diese drohende Anstalt und das Getöse, das die Büchse machte, jagte der ganzen Gesellschaft einen solchen Schrecken ein, daß alles in der äußersten Bestürzung zum Hause hinausrannte, ausgenommen der Häuptling, drei Frauen und noch zwei oder drei andere, die ihrer Kleidung nach Standespersonen zu sein schienen.

Der Häuptling nahm mit aller Äußerung von Betrübnis und Bestürzung Banks bei der Hand und führte ihn zu einem großen Vorrat von Rindenzeug hin, der am anderen Ende des Hauses aufgestapelt war. Er bot ihm ein Stück nach dem anderen an und gab ihm zu verstehen, daß, wenn diese den vorgefallenen Schaden ersetzen und das Unrecht wieder gutmachen könnten, er soviel er davon beliebe oder, falls er wolle, alles mitnehmen solle. Banks legte die Stücke aber alle auf die Seite und gab ihm zu verstehen, daß er nichts verlange, als was seinen Gefährten unehrlicherweise entwendet worden sei. Hierauf ging Tuburai Tamaide in aller Eile fort, ließ seine Gemahlin Tomio, die während des ganzen Auftritts erschreckt und verwirrt an Banks' Seite geblieben war, bei ihm und gab ihm zu verstehen, er möchte noch solange warten, bis er selbst wieder zurückkäme. Banks setzte sich also nieder und unterhielt sich durch Zeichen, so gut er eben konnte, ungefähr eine halbe Stunde lang mit der Gemahlin seines Wirts. Alsdann kam dieser mit der Schnupftabaksdose und dem Futterale des Fernrohrs in der Hand zurück. Aus seinen Augen blitzte die Freude mit einer Stärke des Ausdrucks, die dieses Volk vor allen anderen auszeichnet, und vergnügt überreichte er dann die Sachen ihren Eigentümern. Als aber das Futteral geöffnet wurde, fand man es leer.