[Ein Südsee-Idyll]
Von Kapitän James Cook
Es war Montag, den 10. April 1769, als einige von unseren Leuten, die nach der Insel Tahiti, unserem Reiseziel, ausspähten, des Nachmittags um 1 Uhr meldeten, sie sähen in demjenigen Teil des Horizontes, wo die Insel der Lage nach zum Vorschein kommen mußte, Land. Es schien sehr hoch und gebirgig zu sein, und wir erkannten es allen Anzeichen nach als ebendasselbe, das Kapitän Wallis »König Georgs des Dritten Insel« genannt hatte, und das nunmehr Tahiti heißt. Eine plötzlich einsetzende Windstille hielt uns aber zurück, so daß wir am Morgen des folgenden Tages der Insel noch nicht näher waren als die Nacht zuvor. Um 7 Uhr erhob sich endlich ein frischer Wind, und um 11 Uhr waren wir Tahiti bereits so nahe gekommen, daß verschiedene Kanus gegen das Schiff liefen. Doch wollten nur wenige sich an uns heranwagen, und selbst diese wenigen wollten sich nicht bereden lassen, an Bord unserer »Endeavour« zu kommen. In jedem Kanu hatten sie junge Bananen und Zweige von einem andern Baume, den die Insulaner »E' Midho« nennen; diese waren, wie wir nachmals erfuhren, ein Sinnbild des Friedens und wurden uns als Freundschaftszeichen überbracht. Aus einem von den Kanus reichten sie uns die Insulaner an der Schiffsseite herauf und machten uns zu gleicher Zeit mit großem Eifer einige Zeichen, die uns unverständlich waren. Endlich aber errieten wir ihr Verlangen; sie wünschten nämlich, daß diese Friedenszeichen an irgendeinem Orte im Schiffe aufgesteckt werden möchten, wo man sie frei und deutlich sehen könne. Wir steckten sie daher sofort zwischen die Bordwände, worüber die Insulaner lebhaftes Vergnügen zeigten. Hierauf kauften wir ihnen ihre Waren ab, die in Kokosnüssen und allerlei andern Früchten bestanden, wie sie uns allen nach einer so langen Reise sehr willkommen waren.
Wir steuerten die ganze Nacht hindurch vorsichtig näher gegen die Küste, die Meerestiefe nahm gegen die Insel hin von 30 bis zu 21 Meter ab, und um 7 Uhr morgens kamen wir mit 23 Meter Tiefe in der Matavaibucht vor Anker. Die Eingeborenen umringten sogleich unser Schiff mit ihren Kanus, brachten uns Kokosnüsse, apfelähnliche Früchte, Brotfrucht und einige kleine Fische. Sie überließen uns das alles gegen Glasperlen und andere Kleinigkeiten. Sie hatten auch ein kleines Schwein bei sich, wollten es aber gegen nichts Geringeres als ein Beil eintauschen. Wir weigerten uns daher, diesen Handel einzugehen; denn hätten wir ihnen gleich zu Anfang ein Beil für ein junges Schwein gegeben, so hätten sie uns wohl voraussichtlich nachher nie eines wohlfeiler verkaufen wollen, und das wäre uns doch auf die Dauer allzu teuer zu stehen gekommen. Die Brotfrucht wächst auf einem Baum, der ungefähr so groß ist wie eine mittelhohe Eiche. Die Blätter sind oft anderthalb Meter lang, von länglicher Gestalt, mit tiefen Krümmungen wie die Feigenblätter versehen, denen sie an Wesen und Farbe ähnlich sind; beim Auseinanderbrechen sondern sie gleich einen milchartigen Saft ab. Die Frucht hat die Größe eines Kindskopfes und beinahe dieselbe Form. Ihre Außenseite ist meistens wie bei der Trüffel netzförmig, die Haut ist nur dünn, und die Frucht hat einen Kern, der ungefähr so dick ist wie ein Messerstiel. Das Fleisch oder der eßbare Teil liegt zwischen Haut und Kern, ist schneeweiß und locker wie frischgebackenes Brot. Ehe man sie ißt, muß man sie rösten und zu diesem Zweck in drei oder vier Teile zerschneiden. Sie hat keinen ausgesprochenen Geschmack, höchstens, daß sie etwas süßlich schmeckt.
Wir gingen in Begleitung unseres Freundes Auhaa an Land.
Unter den Eingeborenen, die zu uns an Bord kamen, befand sich auch ein ältlicher Mann, der, wie wir nachher erfuhren, Auhaa hieß, und Leutnant Gore, der mit dem Kapitän Wallis hier gewesen war, erkannte ihn augenblicklich wieder. Da ich nun wußte, daß er Wallis sehr nützlich gewesen war, nahm ich ihn nebst einigen anderen an Bord des Schiffes und war besonders bemüht, ihm soviel Freundlichkeiten als möglich zu erweisen, weil ich hoffte, er würde auch uns gute Dienste leisten. Da allem Anschein nach zu vermuten stand, daß wir uns ziemlich lange hier aufhalten würden, mußten wir notwendigerweise darauf bedacht sein, daß der Wert der Waren, die wir zum Tauschhandel mitgebracht hatten, während der Zeit unseres Hierseins nicht sank. Das wäre aber zweifellos geschehen, wenn man jedermann Freiheit gelassen hätte, die eingekauften Dinge nach persönlichem Gutdünken zu bezahlen. Weil daraus unfehlbar Verwirrungen und Streitigkeiten hätten entstehen müssen, stellte ich bestimmte Regeln für den Handel auf und befahl ihre strengste Beachtung.
Sobald das Schiff gehörig gesichert war, ging ich mit den Botanikern Banks und Solander, einer Abteilung Bewaffneter und in Begleitung unseres Freundes Auhaa an Land. Beim Aussteigen aus den Booten wurden wir von einigen hundert Eingeborenen empfangen, die uns aber nur mit ihren Augen bewillkommten, weil sie es auf andere Art zu tun nicht wagten; denn sie bezeigten eine so tiefe Ehrfurcht vor uns, daß der erste, der sich näherte, beinahe auf Händen und Füßen herankroch. Es ist merkwürdig, daß das Friedenszeichen, das uns sowohl dieser Mann als auch jener im Kanu überreichte, ein grüner Zweig war, dessen sich bekanntlich schon die alten und mächtigen Völker der nördlichen Halbkugel zu ebendiesem Zwecke bedient hatten. Wir nahmen das Zeichen freudig und vergnügt an, und weil wir sahen, daß jeder von ihnen solchen Zweig in der Hand hielt, pflückte auch jeder von uns sogleich einen und trugen ihn auf dieselbe Art.
Die Eingeborenen begleiteten uns unter Anführung Auhaas nach dem Platze, wo der »Delphin« zwei Jahre vorher sein Wasser eingenommen hatte. Als sie aber auf dem Wege dahin ungefähr eine halbe Meile zurückgelegt hatten, machten sie halt und reinigten den Boden von allem darauf befindlichen Rasen. Die Vornehmsten unter ihnen warfen jetzt ihre grünen Zweige auf das nackte Erdreich und winkten uns, daß wir es mit den unserigen ebenso machen sollten. Wir bezeigten sogleich unser Einverständnis und unsre Bereitwilligkeit hierzu, und um die Zeremonie noch feierlicher zu gestalten, mußten die Seesoldaten in Reih und Glied antreten und ihre Zweige niederlegen. Wir machten es hernach ebenso.