Durch die stille, harmlose Aufführung der Eingeborenen war jetzt jede Besorgnis der Gefahr bei uns gänzlich geschwunden, so daß wir nicht einen Augenblick zögerten, uns ihnen ganz anzuvertrauen und mitten unter sie zu gehen. Täglich spazierten Offiziere von beiden Schiffen teils in kleinen Gesellschaften, teils auch ganz allein auf der Insel umher und blieben oft über Nacht aus. Ich würde kein Ende finden, wenn ich jeden Zug von Höflichkeit und Güte aufzeichnen wollte, womit sie bei solchen Gelegenheiten aufgenommen wurden. Auf den Wegen versammelten sich überall die Eingeborenen um sie her, bemühten sich eifrig, ihnen auf allerlei Art gefällig zu sein, und waren nie zufriedener, als wenn man ihre Hilfe in Anspruch nahm. Sie ersannen sogar allerlei Kunstgriffe, um unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen oder uns länger in ihrer Gesellschaft zurückzuhalten. Die Jungen und Mädchen liefen, wenn wir durch ihre Dörfer gingen, vor uns her und hielten uns auf jedem freien Platze zurück, wo Raum zum Tanzen war. Oft luden sie uns ein, unter dem Schatten ihrer Hütten Erfrischungen zu genießen; oft saßen wir mitten in einem Kreise von Frauen und Mädchen, die ihre ganze Kunst und Geschicklichkeit aufboten, uns mit Liedern und Tänzen zu unterhalten.

Der Genuß, den uns ihr sanftes Betragen und ihre Gastfreiheit verschafften, ward gleichwohl durch ihren Hang zum Stehlen oft getrübt. Es schmerzte uns, daß wir manchmal in die Verlegenheit kamen, ernstlich strafen zu müssen, während wir doch gern alle Härte vermieden hätten, wenn uns nicht die Not dazu gezwungen haben würde. Einst entdeckte man einige der geschicktesten Schwimmer und Taucher, die sich unter den Schiffen damit beschäftigten, die Nägel auszuziehen, mit denen der Boden beschlagen war. Sie wußten dies vermittels eines kurzen Stöckchens, an dessen einem Ende ein Kieselstein befestigt war, sehr geschickt zu bewerkstelligen. Durch diesen Zeitvertreib kamen die Schiffe zu sehr in Gefahr, als daß wir geduldig hätten zusehen können. Man mußte endlich mit Schrot auf die Nageldiebe schießen. Allein, dies genügte noch nicht, sie zu vertreiben. Sie tauchten unter und waren dann vom Schiff selbst gedeckt. Also blieb kein anderes Mittel übrig, als einen von ihnen an Bord der »Discovery« durchpeitschen zu lassen und damit ein warnendes Beispiel zu geben.

Das Steuerruder der »Resolution« bedurfte einer vollständigen Reparatur und ward deshalb an Land gebracht. Zu gleicher Zeit mußten die Zimmerleute in Begleitung einiger Insulaner, die Ka-u mitschickte, sich im Lande nach Planken umsehen, um einige andere notwendige und vor Alter morsch gewordene Stücke zu ersetzen.

Am 28. Januar besuchte Kapitän Clerke, der bisher wegen seiner Unpäßlichkeit fast beständig an Bord geblieben war, zum ersten Male den König Terriobu in dessen Hütte. Man empfing ihn mit ebenden Formalitäten wie den Kapitän Cook. Beim Weggehen erhielt er sogar, obwohl sein Besuch ganz unerwartet gekommen war, ein Geschenk von 30 großen Schweinen und für einige Wochen ausreichende Vorräte an Früchten und Wurzeln für seine ganze Mannschaft.

Noch hatten wir von ihren Lustbarkeiten und athletischen Übungen nichts gesehen. Diesen Abend aber wurden wir auf Verlangen einiger unserer Offiziere mit einem Boxkampf unterhalten. Zwar vermißten wir sowohl das Feierliche und Prächtige, was diese Spiele auf den Freundschaftsinseln so sehenswürdig macht, als auch die Geschicklichkeit und Kraft der Kämpfer; indes war doch manches dabei bemerkenswert.

Wir fanden auf einem ebenen Platze unweit unserer Zelte eine ungeheure Menge Menschen versammelt. In der Mitte zwischen diesen blieb für die Kämpfer ein langer Raum frei, an dessen Ende die Richter unter drei Standarten saßen, die oben mit einigen buntfarbenen Zeugfetzen nebst den Häuten von ein paar wilden Gänsen und anderen Vögeln, sowie Büscheln und Federn behangen waren. Sobald alles in Bereitschaft war, gaben die Richter das Zeichen zum Angriff, und sogleich erschienen die beiden Kämpfer. Sie kamen langsam hervor, hoben die Füße hinten stark in die Höhe und strichen dabei die Fußsohlen mit der Hand. Indem sie sich einander näherten, warf jeder einen verächtlichen Blick auf seinen Gegner, maß ihn mit seinen Augen gleichsam von Kopf bis zu Fuß, blickte dann bedeutungsvoll auf die Zuschauer, strengte die Muskeln an und machte — mit einem Wort — allerlei affektierte Grimassen. Sowie sie einander erreichen konnten, streckten sie beide Arme gerade vor ihr Gesicht hin, auf das alle Schläge gerichtet waren. Diese teilten sie nach unserer Meinung auf eine sehr ungeschickte Art aus: denn sie schleuderten den ganzen Arm dabei. Sie versuchten nie, den Streich des Gegners abzuwehren, sondern entgingen ihm durch eine Beugung des Körpers oder dadurch, daß sie zurücktraten. Der Kampf ward übrigens sehr schnell entschieden: denn sobald einer zu Boden geschlagen wurde oder auch nur unversehens fiel, ward er für besiegt angesehen, und der Überwinder triumphierte dann in allerlei verzerrten Gebärden, die ihrer Absicht gemäß unter den Zuschauern gewöhnlich ein großes Gelächter hervorriefen. Der Sieger wartete nunmehr auf einen zweiten Gegner und, falls er diesen auch überwand, auf einen dritten, bis eben die Reihe an ihn kam, einem stärkeren unterliegen zu müssen. Bei diesem Kämpfen wird eine sonderbare Regel beobachtet: wenn nämlich ihrer zwei zum Angriff in Bereitschaft stehen, kann ein dritter zwischen ihnen auftreten und sich, wen er will, zum Gegner wählen, und dann muß sich der andere zurückziehen. Manchmal folgten einander drei oder vier auf diese Art, ehe es zum Angriff kam. Wenn der Kampf ungewöhnlich lange dauerte oder gar zu ungleich schien, kam ein Befehlshaber und endigte ihn dadurch, daß er einen Stock zwischen die beiden hielt. Die gutmütige Art, womit alles vor sich ging, erfreute uns hier in gleicher Weise wie auf den Freundschaftsinseln. Da wir aber diese Spiele veranlaßt hatten, erwarteten die Zuschauer durchgehends, daß wir auch selbst daran teilnehmen würden, und forderten unsere Leute beständig dazu auf. Diese aber erinnerten sich weislich der Stöße, die sie dabei auf den Freundschaftsinseln bekommen hatten, und blieben gegen alle Herausforderungen taub.

Ein Hauptbedürfnis unserer Schiffe war das Brennholz, woran es uns jetzt sehr gebrach. Kapitän Cook trug mir deshalb auf, mit den Priestern in Verhandlung zu treten und ihnen den Zaun oder die Einfassung oben auf dem Marai abzukaufen. Ich gestehe, anfänglich zweifelte ich sehr, ob dieser Antrag schicklich wäre; denn es stand zu befürchten, daß man die bloße Erwähnung für Gottlosigkeit halten möchte. Ich hatte mich jedoch sehr geirrt. Mein Ansuchen verursachte nicht die allergeringste Verwunderung, vielmehr erhielt ich das verlangte Holz ohne allen Anstand, und man forderte nicht die geringste Bezahlung von uns. Als die Matrosen es wegtrugen, sah ich, daß einer auch eines von den geschnitzten Standbildern aufgeladen hatte, und bei näherem Zusehen fand ich schon die ganze Zahl der am Marai in einem Kreise aufgestellten Bildsäulen in unserem Boote. Die Matrosen hatten sie im Beisein der Eingeborenen dorthin geschafft, und diese hatten sich darüber nicht im mindesten entrüstet, sondern vielmehr hilfreiche Hand dabei geleistet. Ich hielt es indes doch für ratsam, mit Ka-u deshalb zu sprechen. Er hörte sich alles sehr gleichgültig an und bat sich nur das mittelste Bildwerk wieder aus, auf das man, wie ich oben schon bemerkte, etwas mehr zu halten schien. Dies trug er dann in eine von den Priesterwohnungen.

Schon seit einigen Tagen hatte sich Terriobu mit seinen Unterbefehlshabern sehr fleißig nach der Zeit unserer Abreise erkundigt. Ich ward durch diese wiederholte Nachfrage sehr neugierig, von ihnen zu erfahren, was die hiesigen Eingeborenen eigentlich von uns dächten, und was für Vorstellungen sie sich von dem Beweggrunde und den Absichten unserer Reise machten. Um über diesen Punkt einiges zu hören, sparte ich keine Mühe, konnte aber weiter auch nichts herausbringen, als daß sie sich einbildeten, wir kämen von einem Lande her, wo Mißwachs geherrscht habe, und bei unserem Besuch bei ihnen hätten wir weiter keine Absicht, als uns recht satt zu essen. Freilich konnte sie die hagere Gestalt einiger von unseren Leuten, der gute Appetit, womit wir alle von ihren frischen Lebensmitteln aßen, und unsere große Begierde, so viel Mundvorrat, als wir nur immer habhaft werden konnten, einzutauschen und mitzunehmen, zu einer solchen Vermutung bringen. Dazu kam noch der für ihre Begriffe unnatürliche Umstand, daß wir keine Frauen mitgebracht hatten, ferner unser friedliches Betragen und unser unwehrhaftes Aussehen. Man mußte lachen, wenn man sah, wie sie unsere Matrosen mit der Hand auf den Bauch klopften, an den Seiten hinunterfuhren und ihnen teils durch Zeichen, teils mit Worten zu verstehen gaben, es sei jetzt Zeit, daß sie sich wieder auf den Weg machten; wenn sie aber in der nächsten Brotfruchtzeit wiederkommen wollten, würde man besser imstande sein, ihren Bedürfnissen abzuhelfen. Wir konnten nicht umhin, ihnen vollständig recht zu geben. Denn einmal hatte sich das Aussehen unserer Leute selbst während dieses kurzen Aufenthaltes sehr merklich gebessert, so daß ihre wohlgestopften Wänste den Landesprodukten alle Ehre machten. Andrerseits hatten wir in der Zeit von nunmehr sechzehn Tagen eine so unerhörte Menge von Schweinen und Früchten verzehrt, daß die Hawaiier wohl wünschen konnten, uns wieder abfahren zu sehen. Dennoch ist es sehr wahrscheinlich, daß Terriobu bei seiner Nachfrage weiter keine Absicht hatte, als sich auf den Abschied gehörig vorzubereiten, um uns mit Geschenken zu entlassen, die seiner gewohnten Ehrerbietung und Freigebigkeit gegen uns angemessen wären. Sobald wir ihm daher Nachricht gaben, wir würden nach zwei Nächten abreisen, bemerkten wir, daß unverzüglich eine Art von Botschaft durch die Dörfer erging, vermittels deren man das Volk aufforderte, dem König Schweine und Früchte zu liefern, damit er sie dem »Orono« bei seiner Abreise darbringen könnte.