Unsere Leute in den Booten, die während des ganzen Vorganges nur etwa 20 Schritt vom Land gestanden hatten, unterhielten noch einige Zeit lang ein heftiges Feuer, um ihren unglücklichen Kameraden, im Fall noch der eine oder andere von ihnen lebte, Gelegenheit zur Flucht zu geben, und in derselben Absicht wurden auf der »Resolution« einige Kanonenschüsse abgefeuert. Als die Eingeborenen dadurch endlich zum Weichen gebracht wurden, eilten fünf von unseren jungen Kadetten in Booten zum Ufer, wo sie die Körper ihrer Landsleute leblos auf der Erde liegen sahen. Da sie ihre Munition meistens schon verbraucht hatten und ihrer eine so geringe Zahl war, hielten sie das Fortschaffen der Leichen für zu gefährlich, ließen sie daher nebst 10 Gewehren im Besitz der Eingeborenen und kehrten zu den Schiffen zurück.

Sobald man sich von der allgemeinen Bestürzung, die dieser unglückliche Vorfall an Bord beider Schiffe verbreitete, etwas erholt hatte, erinnerte man sich unserer Leute auf dem Marai, wo der Mast und die Segel unter einer Bedeckung von nur 6 Mann am Lande lagen. Unmöglich kann ich meine Unruhe während der ganzen Dauer dieses Vorfalles schildern. Da wir uns kaum ein Kilometer weit vom Dorfe Kauraua befanden, konnten wir deutlich sehen, daß sich ein ungeheurer Haufe auf dem Platze versammelte, wo kurz vorher Kapitän Cook gelandet war. Auch hörten wir das Musketenfeuer und bemerkten außerordentliche Verwirrung unter dem Haufen. Nachher sahen wir die Eingeborenen fliehen, die Boote aber vom Lande abstoßen und in aller Stille zwischen den Schiffen hin und her fahren. Mein Herz ahnte nichts Gutes; auch war es, da es auf ein so teures, wertvolles Leben ankam, unmöglich, bei so befremdlichen Zeichen seine Ruhe zu bewahren. Ich wußte außerdem, daß der Kapitän durch einen langen, ununterbrochen glücklichen Fortgang seiner Unternehmungen und der Verhandlungen mit den Eingeborenen so viel Zutrauen zu ihnen gefaßt hatte, daß ich immer fürchtete, er möchte einmal in einem unglücklichen Augenblick zu unachtsam sein; und gerade jetzt dachte ich an die Gefahr, der er sich durch dieses Zutrauen aussetzte, ohne eben vielen Trost aus der Erfahrung schöpfen zu können, durch die es bedingt wurde.

Das Volk, das in großer Menge um die Mauern unseres tabuierten Feldes versammelt war, schien ebenso ratlos als wir selbst, wie alles, was man sah und hörte, zu erklären sei. Ich versicherte ihnen also, sobald ich das erste Musketenfeuer hörte, sie brauchten nicht unruhig zu werden; ich wünschte auf alle Fälle, Frieden zu halten. In dieser Lage blieben wir, bis die Boote an Bord zurückgekehrt waren. Als aber Kapitän Clerke durch sein Fernrohr bemerkte, daß wir von den Eingeborenen umringt waren, befürchtete er, sie möchten uns angreifen, und ließ mit zwei vierpfündigen Kanonen auf sie feuern. Glücklicherweise taten die Kugeln, so gut sie auch gezielt waren, keinen Schaden. Indes gaben sie den Eingeborenen einen augenscheinlichen Beweis von ihrer großen Wirkungskraft: denn eine derselben brach einen Kokosnußbaum, unter dem eine Anzahl von ihnen saß, in der Mitte durch, und die andere zersplitterte einen Felsen, der in einer geraden Linie mit ihnen stand. Da ich ihnen eben auf das eifrigste beteuert hatte, daß sie sich in völliger Sicherheit befänden, war ich über diese feindliche Maßnahme äußerst betreten und schickte, damit sie nicht wiederholt würde, sogleich ein Boot an Kapitän Clerke und ließ ihm sagen, ich stünde bis jetzt noch mit den Eingeborenen in friedlichem Verkehr; wenn mich aber in der Folge die Umstände nötigen sollten, mein Betragen gegen sie zu ändern, so würde ich eine Fahne aufziehen, um ihm anzuzeigen, daß er uns Beistand leisten möchte. Wir erwarteten nunmehr die Rückkehr des Bootes mit größter Ungeduld. Nach einer Viertelstunde, die wir unter der quälendsten Angst und Ungewißheit zubrachten, kam einer der Offiziere und bestätigte uns leider die Berechtigung unsrer Unruhe. Zugleich brachte er uns Befehl, die Zelte so schnell als möglich abzubrechen und die Segel, die zum Ausbessern an Land waren, an Bord zu schicken. Während der langen Zeit hatte auch unser Freund Kärikia von einem Eingeborenen, der von der anderen Seite der Bucht gekommen war, Kapitän Cooks Tod erfahren und kam bekümmert und niedergeschlagen zu mir, um zu fragen, ob das wahr sei.

Unsere Lage war jetzt sehr kritisch und gefährlich. Unser Leben stand auf dem Spiel, und überdies handelte es sich auch um den Ausgang der ganzen Unternehmung und um die Rückkehr unserer Schiffe. Der Mast der »Resolution« und unsere meisten Segel, deren Verlust unersetzlich gewesen wäre, lagen unter der geringen Bedeckung von 6 Seeleuten am Ufer. Und obschon die Eingeborenen bis jetzt noch nicht die geringste Neigung geäußert hatten, uns anzugreifen, so war es doch sehr ungewiß, welchen Einfluß die Nachricht von dem Vorgang in Kauraua auf sie haben würde. Damit nicht etwa die Furcht vor unserer Rache oder das unglückliche Beispiel, das die Eingeborenen vor sich sahen, sie antreiben möchte, die gegenwärtige vorteilhafte Gelegenheit zu benützen und uns einen zweiten Streich zu versetzen, gab ich vor, ich glaube die Nachricht von Kapitän Cooks Tode nicht, und bat zugleich den Kärikia, er möchte ihr auch seinerseits widersprechen. Zugleich forderte ich ihn auf, den alten Ka-u und die übrigen Priester in ein großes Haus nahe dem Marai zu bringen, teils um sie für den äußersten Fall zu sichern, teils um sie in der Nähe zu haben und mich womöglich ihres Ansehens bei dem Volke zur Erhaltung des Friedens bedienen zu können. Nunmehr postierte ich die Seesoldaten auf die Höhe des Marai, eine starke, vorteilhafte Stellung, befahl dem Offizier auf das strengste, nur in Selbstschutz zu handeln, und ging dann an Bord der »Resolution«, um Kapitän Clerke unsere gefährliche Lage zu schildern. Sobald ich das Ufer verließ, griffen die Eingeborenen unsere Leute mit Steinen an, und kaum hatte ich das Schiff erreicht, als ich die Seesoldaten schon feuern hörte. Ich kehrte daher unverzüglich an das Ufer zurück und fand, daß die Lage mit jedem Augenblick bedrohlicher wurde. Die Eingeborenen bewaffneten sich, legten ihre Mattenpanzer an und verstärkten sich zusehends. Ich bemerkte auch verschiedene große Haufen, die längs der Klippen auf uns zukamen. Anfangs warfen sie hinter der Mauer hervor, womit ihre Pflanzung umgeben war, Steine nach uns. Da sie aber keinen Widerstand fanden, wurden sie bald kühner, und einige entschlossene Kerle, die unter den Felsen längs dem Ufer fortgekrochen waren, zeigten sich plötzlich am Fuß des Marai, um ihn, wie es schien, von der Seeseite als dem einzigen zugänglichen Orte zu erstürmen. Sie ließen sich auch nicht eher vertreiben, als bis wir mehrmals gefeuert und einen getötet hatten. Einer von diesen Kriegern gab ein besonders lobenswertes Beispiel von Tapferkeit. Als er ungeachtet des Feuers unserer Gewehre zurückkehrte, um den Leichnam eines Gefallenen fortzutragen, wurde er verwundet und mußte sich nach Preisgabe des Leichnams zurückziehen. Nach einigen Minuten kam er wieder, wurde aber durch einen abermaligen Treffer an seinem Vorhaben gehindert. In diesem Augenblick kam ich bei dem Marai an und sah ihn zum dritten Male blutend und entkräftet zurückkehren. Als ich erfuhr, was sich zugetragen hatte, verbot ich den Soldaten, zu feuern, so daß jener ruhig seinen Freund forttragen konnte. Kaum war ihm dies gelungen, als er selbst niederstürzte und starb.

Da nunmehr eine ansehnliche Verstärkung von beiden Schiffen gelandet war, zogen sich die Eingeborenen hinter ihre Mauer zurück. Hierdurch erhielt ich Zugang zu den uns freundschaftlich gesinnten Priestern und schickte sogleich einen von ihnen an das Volk ab, um zu versuchen, ob sie zum Frieden zu bewegen wären, und um ihnen vorzuschlagen, daß meine Leute das Feuer einstellten, wenn sie ihrerseits nicht mehr mit Steinen würfen. Dieser Waffenstillstand ward angenommen, und man ließ uns ungestört den Mast in See stoßen und die Segel nebst den astronomischen Instrumenten fortschaffen. Sobald wir das Marai verlassen hatten, nahmen sie es in Besitz und schleuderten einige Steine nach uns hin, die uns aber keinen Schaden taten.

Es war halb 12 Uhr, als ich an Bord der »Discovery« anlangte, wo man über unsere künftigen Maßnahmen noch keinen Rat gehalten hatte. Wir beschlossen, auf alle Fälle darauf zu bestehen, daß unser Boot zurückgegeben und der Leichnam Kapitän Cooks ausgeliefert werden solle, und ich selbst stimmte noch dafür, daß im Notfall einige entschlossene Schritte unternommen werden müßten. Obgleich man sich vorstellen kann, daß mein Schmerz über den Tod des geliebten, geehrten Freundes großen Anteil an diesem Entschlusse hatte, so waren doch auch viele andere wichtige Gründe dafür vorhanden. Der Übermut, den der Fall unsers Befehlshabers bei den Eingeborenen erregt, und der kleine Vorteil, den sie am Tage vorher über uns erhalten hatten, mußte sie ermuntern, noch weitere Versuche zu wagen, besonders da ihnen die bisherigen Vorfälle noch keine rechte Furcht vor unsern Feuerwaffen hatten einflößen können, und da deren Wirkung überdies, ganz gegen unsre Erwartung, nicht das mindeste Erstaunen bei ihnen hervorgerufen hatte. Auf der anderen Seite war unsere Lage so gefährlich, die Schiffe in so schlechtem Verteidigungszustande, die Manneszucht an Bord so übel beschaffen, daß wir unmöglich für die Folgen hätten einstehen können, wenn man uns in der Nacht angegriffen hätte. In dieser Besorgnis waren die meisten Offiziere derselben Meinung wie ich. Und in der Tat konnte nichts den Eingeborenen mehr Mut zu einem Angriff geben als unsre anscheinende Neigung zu einem Vergleich, die sie sich nur aus unserer Furcht oder Schwäche hätten erklären können.

Zur Empfehlung friedlicher Maßregeln ward hingegen mit Recht angeführt, das Unglück sei nun einmal unwiderruflich geschehen, und die vorige Freundschaft und Güte der Eingeborenen gäbe ihnen ein Anrecht auf unsere Achtung, besonders da der letzte traurige Vorfall kein vorbedachtes Unternehmen schiene, und da Terriobus Bereitwilligkeit, Kapitän Cook an Bord zu folgen, als seine Knaben sich wirklich schon im Boot befanden, ihn ganz von dem Verdachte befreien müsse, selbst um den Diebstahl gewußt zu haben. Das Betragen seiner Frau und der Häuptlinge lasse sich leicht der Furcht zuschreiben, die der Anblick der bewaffneten Soldaten des Kapitäns und der kriegerischen Zurüstungen in der Bucht bei ihnen verursacht haben müsse. Diese letzteren wären dem freundschaftlichen, vertraulichen Umgange, der bisher zwischen beiden Teilen stattgehabt hätte, so wenig angemessen gewesen, daß die Eingeborenen dem Anscheine nach begründetes Recht haben konnten, sich der Entführung ihres Königs zu widersetzen — wie man von einem Volke, das seinen Herrschern so tief ergeben sei, leicht habe erwarten dürfen. Außer diesen menschlichen Gründen führte man noch andre an, die die Klugheit an die Hand gab. Wir litten Mangel an Wasser und anderen Erfrischungen, und an dem Vordermast müsse man noch eine ganze Woche arbeiten, ehe er aufgerichtet werden könne. Der Frühling nähere sich nun allmählich, und wir dürften die Fortsetzung unserer Unternehmungen am Nordpol nicht aus den Augen verlieren. Ein rachsüchtiger Streit könne uns nicht allein den Vorwurf der Grausamkeit zuziehen, sondern auch eine unvermeidliche Verzögerung in der Ausrüstung der Schiffe veranlassen.

Kapitän Clerke vertrat diese letzte Ansicht, und obgleich ich überzeugt war, daß unserm Empfinden durch einen unmittelbaren, nachdrücklichen Beweis unsers Unwillens besser Genüge geschehen wäre, war ich doch nicht unzufrieden, daß mein Rat verworfen wurde.

Indes wir unsern Plan besprachen, blieb eine außerordentliche Menge Eingeborener am Strande versammelt, und einige von ihnen waren so kühn, sich den Schiffen bis auf Pistolenschußweite zu nähern und uns durch verschiedene verächtliche und herausfordernde Gebärden zu beschimpfen. Die Matrosen konnten nur mit großer Mühe abgehalten werden, ihre Waffen zu gebrauchen. Da wir uns aber einmal zu friedlichen Maßregeln entschlossen hatten, ließen wir die Kanus unangefochten zurückkehren.

Unserm Entschluß gemäß erhielt ich vor versammelter Mannschaft und in bestimmtesten Ausdrücken den Befehl, mit allen Booten beider Schiffe, die gut bewaffnet und bemannt sein sollten, an Land zu rudern, um die Eingeborenen zu einer Unterredung zu bewegen und womöglich eine Zusammenkunft mit den Häuptlingen durchzusetzen. Gelänge dies, so sollte ich sie auffordern, die Leichname unserer Landsleute, vor allem aber den unseres Kapitäns, uns auszuliefern. Im Fall ihrer Weigerung sollte ich ihnen mit unserer Rache drohen, aber nicht eher feuern, als bis wir angegriffen würden, und unter keinen Umständen landen.