Ich verließ die Schiffe um 4 Uhr nachmittags. Indem wir uns dem Strande näherten, bemerkte ich schon aus allen Anzeichen, daß wir feindlich empfangen werden würden. Alle Eingeborenen waren in Bewegung, die Frauen und Kinder zogen sich zurück, die Männer legten ihre Mattenpanzer an und bewaffneten sich mit langen Speeren und Dolchen. Wir wurden auch gewahr, daß sie seit diesem Morgen an dem Platze, wo Kapitän Cook gelandet war, Brustwehren von Steinen aufgeworfen hatten, vermutlich weil sie fürchteten, wir möchten sie von dieser Seite angreifen. Sobald sie uns erreichen konnten, fingen sie an, Steine auf uns zu werfen, die uns indes keinen Schaden taten. Da ich nunmehr einsah, daß alle Versuche, sie zu einer Unterredung zu bringen, fruchtlos seien, wenn ich ihnen nicht zuerst eine Veranlassung zu gegenseitigem Vertrauen gäbe, so ließ ich die bewaffneten Boote halten und näherte mich allein mit einer weißen Fahne in der Hand. Diese ward, wie mir zu meiner großen Zufriedenheit das Freudengeheul der Eingeborenen anzeigte, als Friedenszeichen erkannt. Die Frauen kehrten sogleich von der Berglehne zurück, wohin sie sich geflüchtet hatten. Die Männer warfen ihre Panzer ab, und alle setzten sich am Wasser nieder und luden mich mit ausgebreiteten Armen ein, ans Ufer zu kommen.

Kapitän King näherte sich mit einer weißen Fahne in der Hand.

Obschon dieses Betragen sehr freundschaftliche Gesinnungen auszudrücken schien, hegte ich dennoch einigen Verdacht. Als ich indes sah, daß Koah unbegreiflich kühn und zuversichtlich mit einer weißen Fahne in der Hand mir entgegenschwamm, hielt ich es für nötig, dieses Zeichen des Zutrauens zu erwidern, und nahm ihn in mein Boot auf. Zwar war er bewaffnet, was mein Mißtrauen nicht gerade verringern konnte. Schon lange hatte ich nicht die vorteilhafteste Meinung von ihm gehabt. Die Priester sagten uns immer, er sei boshaft und uns nicht gewogen. Wiederholte Entdeckungen seiner hinterlistigen und betrügerischen Anschläge hatten ihre Aussage bestätigt. Das alles nebst dem empörenden Auftritt an diesem Morgen, bei dem er eine große Rolle gespielt hatte, erregten in mir, als ich ihm so nahe saß, den größten Abscheu gegen ihn. Und als er mit erheuchelten Tränen zu mir kam, um mich zu umarmen, hatte ich einen so starken Verdacht gegen seine Absicht, daß ich mich nicht abhalten ließ, die Spitze seines »Pahua« oder Dolches, den er in der Hand hielt, zu ergreifen und von mir abzuwenden. Ich sagte ihm, ich sei gekommen, des Kapitäns Cook Leichnam zu fordern und Krieg zu erklären, wenn er nicht sogleich ausgeliefert würde. Er versicherte mir, es werde sobald als möglich geschehen, und er selbst wolle sich darum bemühen. Hierauf bat er mich so zuversichtlich, als ob nichts vorgefallen sei, um ein Stückchen Eisen, sprang in die See und rief, indem er ans Ufer schwamm, seinen Landsleuten zu, wir wären wieder gute Freunde.

Wir erwarteten beinahe eine Stunde lang mit der größten Unruhe Koahs Rückkehr. Während dieser Zeit waren die übrigen Boote dem Ufer so nahe gekommen, daß sie sich in einiger Entfernung von uns mit einem Teil der Eingeborenen in ein Gespräch hatten einlassen können, wobei wir erfuhren, der Leichnam sei in Stücke geschnitten und landeinwärts geschleppt worden.

Als ich nunmehr anfing, meine Ungeduld über Koahs Verzögerung durchblicken zu lassen, drangen die Häuptlinge in mich, ich möchte ans Ufer kommen, und versicherten mir zugleich, der Körper solle uns unverzüglich ausgeliefert werden, wenn ich selbst zu Terriobu gehen wollte. Als sie sahen, daß ich mich durchaus nicht bereden ließ, an Land zu kommen, suchten sie unter dem Vorwande, wir würden uns so bequemer unterhalten können, das Boot zwischen einige Felsen zu ziehen, wo sie es von den übrigen hätten abschneiden können. Diese List ließ sich leicht durchschauen, und ich war schon im Begriff, die Verhandlungen für immer abzubrechen, als ein Vornehmer zu uns kam, der ein besonderer Freund des Kapitäns Clerke und der Offiziere des »Discovery« war und auf diesem Schiffe, als wir das letztemal die Bucht verlassen hatten, nach Mauwi hatte gehen wollen. Dieser sagte mir, Terriobu habe ihn geschickt, um uns zu benachrichtigen, man habe den Leichnam weiter ins Land geschafft, werde ihn uns aber am folgenden Morgen zuschicken. Sein Betragen schien aufrichtig zu sein, und als wir ihn befragten, ob er die Wahrheit rede, verschränkte er die beiden Zeigefinger ineinander, was bei den Bewohnern dieser Insel ein Zeichen von Wahrhaftigkeit ist, in dessen Verwendung sie sehr gewissenhaft sind.

Da ich nun nicht wußte, was hier weiter zu tun wäre, schickte ich einen Leutnant zu Kapitän Clerke, um ihm Nachricht von allen Vorfällen zu geben und ihm sagen zu lassen, daß ich sehr zweifelte, ob die Eingeborenen ihr Wort halten würden, da sie, anstatt über das Vergangene betrübt zu sein, vielmehr voll Mut und Zuversicht wegen ihres letzten Vorteils wären und augenscheinlich nur Zeit zu gewinnen suchten, uns durch List in ihre Netze zu ziehen. Der Leutnant brachte uns den Befehl, an Bord zurückzukehren und vorher den Einwohnern bekanntzugeben, daß der Ort zerstört werden würde, wofern der Leichnam am nächsten Morgen nicht ausgeliefert würde.

Als sie merkten, daß wir umkehren wollten, suchten sie uns durch die beschimpfendsten und verächtlichsten Gebärden zu reizen. Einige von unseren Leuten sagten auch, sie könnten verschiedene Eingeborene in den Kleidern unserer unglücklichen Gefährten umhergehen sehen. Unter anderm bemerkte man auch, daß einer von ihren Häuptlingen den Hirschfänger unseres ermordeten Kapitäns schwenkte, und daß eine Frau die Scheide der Waffe hoch hielt. Allerdings mußte ihnen unser Betragen eine schlechte Vorstellung von unserer Macht und Tapferkeit geben; denn sie konnten wohl nur wenig Sinn für die Beweggründe der Menschlichkeit haben, die unser Betragen bestimmten.

Zufolge des Berichts, den ich Kapitän Clerke von den gegenwärtigen Gesinnungen der Eingeborenen abstattete, wurden die wirksamsten Maßregeln getroffen, das Schiff vor einem nächtlichen Überfall zu schützen. Die Boote wurden an Ketten festgemacht, die Schiffswachen verdoppelt und Wachtboote ausgesetzt, die rundumher rudern und die Eingeborenen abhalten sollten, wenn sie etwa die Ankertaue zu zerschneiden versuchten. In der Nacht sahen wir eine Menge Lichter auf den Bergen und wurden dadurch zu der Annahme veranlaßt, daß die Eingeborenen aus Furcht vor unseren Drohungen ihre Güter weiter ins Land schickten. Ich bin aber geneigt zu glauben, daß sie wegen des ihrer Vermutung nach bevorstehenden Krieges Opfer gebracht haben. Und noch wahrscheinlicher ist es, daß man damals die Leichname unserer Landsleute verbrannt hat. Als wir später an der Insel Molokai vorbeisegelten, sahen wir ebensolche Feuer, und einige von den Eingeborenen sagten uns, man habe sie wegen des Krieges angezündet, der einer benachbarten Insel erklärt worden sei. Das stimmt auch mit unseren Erfahrungen auf den Freundschaftsinseln überein, wo die Häuptlinge bei einem bevorstehenden Angriff des Feindes den Mut des Volkes immer durch nächtliche Feste anzufeuern und zu beleben suchten.

Wir blieben die ganze Nacht ungestört und hörten nur Geheul und Klagen vom Ufer her schallen. Früh am Morgen kam Koah und bat um Erlaubnis, mir etwas von dem Zeug und ein kleines Ferkel zum Geschenk anbieten zu dürfen. Daß er gerade nach mir fragte, läßt sich leicht erklären. Wie ich schon gesagt habe, hielten mich die Eingeborenen für Kapitän Cooks Sohn. Und da Cook sie bei seinen Lebzeiten immer in diesem Irrtum beharren ließ, dachten sie wahrscheinlich, nun, da er tot sei, hätte ich den Befehl übernommen. Sobald ich auf das Verdeck trat, fragte ich Koah nach dem Leichnam unseres Kapitäns. Da er mir nur mit Ausflüchten Rede stand, wies ich seine Geschenke zurück und würde ihn mit deutlichen Äußerungen von Zorn und Unmut fortgeschickt haben, wenn nicht Kapitän Clerke es für alle Fälle besser befunden hätte, die anscheinende Freundschaft zu erhalten und ihm mit der gewöhnlichen Achtung zu begegnen.