Der verräterische Koah kam im Laufe des Vormittags noch oft mit seinen nichtssagenden Geschenken zurück. Da er jederzeit alle Teile des Schiffes mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß wir zur Verteidigung bereit seien. Er war äußerst zudringlich in seiner Bitte, daß Kapitän Clerke und ich ans Ufer kommen sollten, und schob die Verzögerung der Auslieferung der Leichname ganz auf die anderen Häuptlinge. Doch versicherte er uns, alles würde nach unseren Wünschen geschehen, wenn wir uns zu einer mündlichen Unterredung mit Terriobu bewegen ließen. Allein, seine Aufführung war zu verdächtig, als daß wir bei ruhiger Überlegung in seine Bitte hätten willigen können. Auch erfuhren wir nachher wirklich einen Umstand, aus dem wir seine Lügenhaftigkeit erkannten. Man sagte uns nämlich, der alte König habe sich unmittelbar nach dem Handgemenge, in dem Kapitän Cook sein Leben verlor, nach den steilen Gebirgen hinter der Bucht zu einer Höhle begeben, in die man nur durch Seile hinabkönne. Hier ist er, nach der Aussage der Eingeborenen, verschiedene Tage geblieben, während welcher man ihm seine Nahrung an Stricken hinuntergelassen habe.

Als Koah vom Schiffe zurückkehrte, drängten sich seine Leute, die sich vor Tagesanbruch in großen Haufen am Ufer versammelt hatten, lebhaft um ihn her, als ob sie aus seinen Nachrichten vernehmen wollten, was weiter zu tun sei. Wahrscheinlich erwarteten sie die Erfüllung unserer Drohung und schienen dabei völlig entschlossen, uns die Spitze zu bieten. Den ganzen Morgen über hörten wir in verschiedenen Gegenden der Küste in die Trompetenschnecke blasen und sahen große Haufen von Eingeborenen über die Hügel kommen. Kurz, aller Anschein war so beunruhigend, daß wir einen Stromanker auswarfen, um im Falle eines Angriffs die Breitseite des Schiffs gegen das Dorf richten zu können. Auch stellten wir der Nordspitze der Bucht gegenüber Boote aus, um einen Überfall von dieser Seite zu verhüten.

Da die Eingeborenen ihr Versprechen, die Leichname der Erschlagenen auszuliefern, nicht gehalten hatten und lauter kriegerische Anstalten machten, hielten wir neue Beratungen ab, was für Maßregeln wir nunmehr ergreifen sollten. Endlich ward beschlossen, die Ausbesserung des Mastes nebst den übrigen Anstalten zu unserer Abreise durch nichts stören zu lassen, dessenungeachtet aber die Verhandlungen wegen Rückgabe der Leichname fortzusetzen.

Den größten Teil des Tages brachten wir damit zu, den Vordermast auf dem Verdeck in eine solche Lage zu bringen, daß die Zimmerleute daran arbeiten konnten. Außerdem mußten die nötigen Veränderungen in den Offiziersstellen vorgenommen werden. Das Oberkommando der Unternehmung fiel nunmehr Kapitän Clerke zu, der sich an Bord der »Resolution« begab und den rangältesten Leutnant zum Kapitän der »Discovery« ernannte.

Die Eingeborenen ließen uns ungestört. Als die Nacht anbrach, wurde die Barkasse wieder angekettet und, wie in der Nacht vorher, sandten wir Wachtboote aus. Gegen 8 Uhr, als es schon sehr dunkel war, hörten wir ein Kanu an das Schiff heranrudern. Sobald die Wachen es erkennen konnten, feuerten sie darauf. Es waren zwei Männer darin, die sogleich »Tinni« riefen; denn so sprach man hierzulande meinen Namen King aus. Sie wären Freunde, sagten sie, und brächten mir etwas, das dem Kapitän Cook gehöre. Als sie an Bord kamen, warfen sie sich uns zu Füßen und schienen äußerst erschrocken. Glücklicherweise war keiner verwundet; die beiden Kugeln waren nur durch das Kanu hindurchgegangen. Der eine von ihnen war ebenderselbe, den ich zuvor unter dem Namen des Tabumannes erwähnt habe, und der Kapitän Cook bei den geschilderten Feierlichkeiten beständig begleitet hatte und sich, obgleich er auf seiner Insel ein Mann von Stande war, dennoch kaum hatte abhalten lassen, ihm die niedrigsten Handreichungen eines ganz gewöhnlichen Bedienten zu leisten. Er beklagte erst mit vielen Tränen den Verlust des »Orono« und sagte dann, er bringe einen Teil seines Körpers. Zugleich reichte er uns ein kleines, in Zeug gewickeltes Bündel dar, das er unter seinem Arm hielt. Unmöglich kann ich das Grausen ausdrücken, das uns ergriff, als wir darin ein Stück Menschenfleisch von 9–10 Pfund Gewicht erblickten. Dieses sagte er, sei alles, was von dem Körper noch übrig sei. Das übrige habe man in Stücke zerschnitten und verbrannt. Terriobu und die anderen Häuptlinge besäßen aber den Kopf und alle Knochen, ausgenommen die Rumpfknochen. Was wir jetzt sähen, sei dem Oberpriester Ka-u zugeteilt worden, um sich dessen bei gewissen Religionsfeierlichkeiten zu bedienen. Allein, er schicke es uns als ein Zeichen seiner Unschuld und Treue.

Unmöglich kann ich das Grausen ausdrücken, als wir ein Stück Menschenfleisch erblickten.

Dieser Vorfall gab uns Gelegenheit, nachzuforschen, ob die Hawaiier Menschenfleisch verzehrten. Zuerst versuchten wir durch verschiedene unbestimmte Fragen, die einem jeden von ihnen besonders vorgelegt wurden, zu erfahren, was man mit den übrigen Leichen gemacht habe. Sie blieben aber immer bei derselben Aussage: man habe das Fleisch von den Knochen gelöst und es verbrannt. Als wir endlich offenheraus fragten, ob sie nichts davon gegessen hätten, bezeigten sie sogleich bei dem bloßen Gedanken ebensolchen Abscheu, wie ihn nur irgendein Europäer hätte fühlen können, und erkundigten sich sehr traurig, ob das unter uns Sitte sei. Nachher verlangten sie mit vielem Ernst und anscheinender Furcht zu wissen, wann der »Orono« wiederkommen, und wie er sie bei seiner Rückkehr behandeln werde. Auch andere taten später oftmals diese Frage, und der Glaube, daß Kapitän Cook wiederkommen werde, stimmt vollkommen mit ihrem Betragen gegen ihn überein, das immer bewies, daß sie ihn für ein höheres Wesen hielten.

Wir drangen umsonst in unsere freundschaftlichen Gäste, bis am Morgen an Bord zu bleiben. Sie sagten, wenn dieser Besuch dem König oder den Häuptlingen zu Ohren käme, könnte er die traurigsten Folgen für die ganze Priesterschaft haben. Um dieses zu verhindern, wären sie genötigt gewesen, in der Finsternis zu uns zu kommen, und müßten aus demselben Grunde auch bei Nacht noch ans Ufer zurückkehren. Sie entdeckten uns auch, daß die Häuptlinge damit umgingen, den Tod ihrer Landsleute zu rächen, und warnten uns besonders vor Koah, der unser unversöhnlichster Feind sei und nebst den übrigen eifrig eine Gelegenheit wünsche, gegen uns zu fechten, wozu das Blasen der Schneckentrompeten, das wir diesen Morgen vernommen, das Volk aufgefordert habe. Ferner erfuhren wir von ihnen, daß bei dem ersten Gefecht in Kauraua 17 von ihren Landsleuten, darunter 5 Befehlshaber, gefallen wären. Zu unserm großen Leidwesen waren dabei auch Kanina und sein Bruder, unsere ganz besonderen Freunde, ums Leben gekommen. Acht hatten wir bei der Sternwarte getötet, darunter drei Männer ebenfalls von hohem Rang.

Gegen 11 Uhr verließen uns unsere beiden Freunde und waren so vorsichtig, daß sie baten, unser Wachtboot möchte sie bis jenseits der »Discovery« begleiten, damit man nicht wieder auf sie feuere und ihre Landsleute am Ufer aufschrecke, weil sie dadurch in Gefahr geraten könnten, entdeckt zu werden. Wir gewährten ihnen ihre Bitte und erfuhren zu unserer Freude, daß sie sicher und unentdeckt ans Land gekommen wären. Den Rest dieser Nacht hörten wir so wie in der vorigen lautes Klagegeheul am Lande, und früh am Morgen besuchte uns Koah abermals. Da die unwidersprechlichsten Beweise und die Äußerungen unserer Freunde, der Priester, seine Treulosigkeit bezeugten, ärgerte es mich, daß es ihm erlaubt sein solle, dieses Possenspiel noch weiter fortzuführen, weil er zuletzt glauben konnte, wir ließen uns wirklich von seinen Scheinheiligkeiten betrügen.