Bald nachdem das Dorf niedergebrannt war, sahen wir einen Mann über den Berg kommen, den fünfzehn bis zwanzig Knaben mit weißen Tüchern und grünen Zweigen in der Hand begleiteten. Ich weiß nicht, wie es zuging, daß diese friedliche Gesandtschaft von einer unserer Abteilungen mit Flintenschüssen empfangen wurde. Dies hielt sie indessen nicht auf, vielmehr setzte sie ihren Weg fort, und der diensthabende Offizier eilte zeitig genug herbei, um eine zweite Salve zu verhüten. Als sie näher kamen, sahen wir, daß es unser trefflicher Freund Kärikia war, der bei dem Brande die Flucht ergriffen hatte, jetzt aber zurückkehrte und an Bord der »Resolution« geführt werden wollte.
Als er ankam, war er sehr ernst und gedankenvoll. Wir versuchten, ihm begreiflich zu machen, daß wir notwendig das Dorf hätten in Brand stecken müssen, wobei denn seine und seiner Brüder Wohnungen ohne unsere Absicht mit verzehrt worden wären. Er verwies uns unsern Mangel an Freundschaft und Dankbarkeit. Wir erfuhren erst jetzt, welch einen großen Verlust die Priester durch uns erlitten hätten. Er sagte uns, im vollen Vertrauen auf mein Versprechen und auf die Versicherungen der Männer, die uns die Überreste des Kapitäns abgeliefert, hätten die Priester ihr Vermögen nicht wie die übrigen Einwohner tiefer ins Land geschafft, sondern ihre wertvollsten Güter nebst allem, was sie von uns gesammelt gehabt, in ein Haus nahe dem Marai zusammengetragen, wo es zu ihrem großen Jammer vor ihren Augen ein Raub der Flammen habe werden müssen.
Als er an Bord gekommen war, hatte er die Köpfe seiner Landsleute auf dem Verdeck liegen sehen. Dieser Anblick war für ihn so empörend, daß er ernstlich bat, man möchte sie über Bord werfen, was auch auf Kapitän Clerkes Befehl augenblicklich geschah.
Des Abends kehrte die Abteilung, die Wasser schöpfte, zurück, ohne weiter beunruhigt worden zu sein. Die folgende Nacht war äußerst traurig; denn am Lande ertönten das Geschrei und die Klagen lauter als jemals. Unser einziger Trost dabei war die Hoffnung, daß wir künftig nie wieder Gelegenheit zu solcher Strenge haben würden.
Den nächsten Morgen kam Koah wie gewöhnlich an die Schiffe. Da wir aber nicht mehr nötig hatten, uns Zurückhaltung aufzuerlegen, hatte ich völlige Freiheit, ihm gebührend zu begegnen. Als er sich daher während seines üblichen Gesanges dem Schiffe näherte und mir ein Schwein und einige Bananen anbot, befahl ich ihm, nicht näher zu kommen, und drohte ihm, wenn er sich je wieder sehen ließe, ohne die Gebeine Kapitän Cooks mitzubringen, solle er sein nie gehaltenes Versprechen mit dem Tode büßen.
Er schien von diesem Empfange nicht gedemütigt zu sein, sondern kehrte ans Ufer zurück, wo er sich zu einem Haufen seiner Landsleute gesellte, die unsere Arbeiter beim Wasserschöpfen mit Steinen warfen. Diesen Morgen fand man auch den Leichnam des jungen Menschen, der sich gestern so tapfer verteidigt hatte, am Eingang der Höhle. Ein paar von unseren Leuten deckten eine Matte über ihn und bemerkten kurz nachher, daß ihn einige Männer auf den Schultern forttrugen und auf dem Wege einen Trauergesang anstimmten.
Als die Eingeborenen sahen, daß wir ihre Beleidigungen nicht aus Mangel an Mitteln, uns zu rächen, so lange geduldet hatten, hörten sie endlich auf, uns länger zu beunruhigen, und am Abend kam ein Häuptling namens Eappo, ein Mann von höchstem Ansehen, der uns bisher nur selten besucht hatte. Er brachte uns Geschenke von Terriobu und bat uns in dessen Namen um Frieden. Wir nahmen die Geschenke an und schickten ihn mit der alten Antwort zurück, daß die Insulaner auf keinen Frieden hoffen könnten, bis wir die Gebeine unseres toten Kapitäns zurückerhalten hätten. Wir erfuhren von diesem Manne, daß das Fleisch von allen Leichnamen unsrer Leute nebst den Rumpfknochen verbrannt worden sei. Die Gliedmaßenknochen der Seeleute wären unter die geringeren Klassen der Vornehmen verteilt worden, die des Kapitäns hingegen den ersten Häuptlingen zugefallen, so daß ein großer »Erih« den Kopf, ein andrer das Haar, Terriobu aber die Lenden, die Hüften und die Arme erhalten hätte. Als es dunkel ward, näherten sich verschiedene Eingeborene mit Wurzeln und Früchten, und Kärikia schickte uns zwei ansehnliche Geschenke an Lebensmitteln.
Der 19. Februar verging größtenteils mit Botschaften zwischen Kapitän Clerke und Terriobu. Eappo gab sich viele Mühe, es dahin zu bringen, daß einer von unsern Offizieren an Land gehen möchte, und erbot sich, unterdessen als Geisel zu bleiben. Man hielt es aber nicht für ratsam, auf diesen Vorschlag einzugehen. Hierauf verließ er uns mit dem Versprechen, er wolle am folgenden Tage die Gebeine bringen. Übrigens erfuhren die Leute, die am Wasserplatz beschäftigt waren, nicht mehr den geringsten Widerstand von den Eingeborenen, die ungeachtet unsres vorsichtigen Betragens sich wieder ohne das geringste Mißtrauen unter uns mischten. Am 20. hatten wir die Freude, bei guter Witterung den Vordermast wieder aufrichten zu können. Dies Geschäft war indessen sehr beschwerlich und mit Gefahr verknüpft, da unsere Stricke so verfault waren, daß sie mehr als einmal dabei rissen.
Zwischen 10 und 12 Uhr sahen wir eine Menge Volks in einer Art von feierlicher Ordnung den Berg herunterkommen, der sich hinter der Bucht erhebt. Ein jeder von ihnen trug ein oder zwei Stück Zuckerrohr auf der Schulter und Brotfrucht, Yamswurzeln und Bananen in der Hand. Zwei Trommelschläger, die vor ihnen hergingen, steckten bei ihrer Ankunft am Strande eine weiße Fahne auf und rührten darauf ihre Trommeln, während die übrigen einer nach dem andern herantraten und ihre Geschenke niederlegten und dann in derselben Ordnung wieder zurückgingen. Bald nachher zeigte sich Eappo in seinem langen befiederten Mantel und trug mit großer Feierlichkeit etwas auf seinen Händen herbei. Er setzte sich auf einen Felsen und machte ein Zeichen, daß man ihm ein Boot zusenden möchte. Da Kapitän Clerke vermutete, daß Eappo die Überreste Kapitän Cooks brächte, fuhr er selbst zu ihm hin, um sie in seiner Schaluppe in Empfang zu nehmen. Mir wurde befohlen, in einem andern Boote zu folgen. Als wir am Ufer anlegten, kam Eappo in die Schaluppe und überreichte dem Kapitän die Gebeine, die in eine Menge schönes neues Zeug gewickelt und mit einem bunten Gewande aus schwarzen und weißen Federn bedeckt waren. Nachher begleitete er uns zur »Resolution«, ließ sich aber nicht bewegen, an Bord zu kommen, wahrscheinlich weil er aus einem Gefühl von Schicklichkeit nicht bei der Öffnung des Bündels zugegen sein wollte. Wir fanden darin den größten Teil der Gebeine unseres unglücklichen Kommandanten. Den folgenden Morgen kam Eappo mit des Königs Sohn und brachte die übrigen Gebeine Kapitän Cooks, außerdem die Läufe seiner Flinte, seine Schuhe und einige Kleinigkeiten. Eappo bemühte sich, uns zu überzeugen, daß Terriobu und er selbst den Frieden wünschten, und daß sie uns den besten Beweis, der in ihrer Macht stünde, hiermit gegeben hätten. Er setzte hinzu, sie würden sich gewiß weit früher zu diesem Schritte bereit gefunden haben, wenn nicht die anderen Häuptlinge, die noch unsere Feinde wären, sie daran gehindert hätten. Er beklagte mit einiger Wehmut den Tod der sechs Vornehmen, die wir erschossen hatten, und von denen einige unsere besten Freunde gewesen. Das Boot hätten uns Parias Leute entwendet. Vermutlich hatte er sich durch den Raub für den Schlag rächen wollen, den er von unsern Leuten empfangen hatte. Tags darauf habe er es in Stücke hauen lassen. Die Gewehre der Seesoldaten, die wir auch zurückgefordert hatten, wären unwiederbringlich verloren, weil das gemeine Volk sich ihrer bemächtigt hätte. Bloß die Knochen des Befehlshabers wären als Eigentum des Königs und der Erihs aufbewahrt worden.