Dietzgens Naturmonismus begnügt sich demnach nicht mit der Anschauung von der Einheitlichkeit des Weltalls minus Mensch; dieser mit seinem Körper und Geist gehört, wie jedes andere Naturstück aus Stoff und Kraft, in die Betrachtung des monistischen Weltorganismus hinein. Wie durch das Denkvermögen, als »Organ des Allgemeinen«, beziehungsweise des Universalzusammenhangs, die Widersprüche überhaupt vermittelt werden – durch Entwicklung des Allgemeinen aus dem Besonderen –, sollten wir dieselbe monistische Denkmethode ganz speziell zur Lösung der Ungereimtheiten der sozialen Welt anwenden. Dann erst haben wir den Sozialmonismus erreicht. Daraus nun, daß es dem richtigen Denken in erster Linie darum zu tun sein muß, das Allgemeine herauszufinden – auf das soziale Gebiet angewandt: das allgemein Nützliche zu ermitteln –, zieht Dietzgen (in seiner Vorrede) einen Schluß, der auf einen für unseres Autors Betrachtungsweise noch nicht vorbereiteten Leser verblüffend wirken mag, aber gleichwohl jedes wirklichen Monisten Billigung finden muß: daß die wahren Träger des »Organs des Allgemeinen« nicht in den von Sonderinteressen beherrschten Kreisen zu suchen sind, vielmehr in den Reihen der nach Beseitigung aller Vorrechte hinstrebenden Arbeiterklasse.
Dietzgen sagt: »Ich entwickle in dieser Schrift das Denkvermögen als Organ des Allgemeinen. Der leidende, der vierte, der Arbeiterstand ist insoweit erst der wahre Träger dieses Organs, als die herrschenden Stände durch ihre besonderen Klasseninteressen verhindert sind, das Allgemeine anzuerkennen. Wohl bezieht sich diese Beschränkung zunächst auf die Welt der menschlichen Verhältnisse. Aber solange diese Verhältnisse nicht allgemein menschlich, sondern Klassenverhältnisse sind, muß auch die Anschauung der Dinge von diesem beschränkten Standpunkt bedingt sein. Objektive Erkenntnis setzt subjektiv theoretische Freiheit voraus. Bevor Kopernikus die Erde sich bewegen und die Sonne stehen sah, mußte er von seinem irdischen Standpunkt abstrahieren. Da nun dem Denkvermögen alle Verhältnisse Gegenstand sind, hat es von allem zu abstrahieren, um sich selbst rein oder wahr zu erfassen. Erst eine historische Entwicklung, welche so weit fortgeschritten ist, um die Auflösung der letzten Herr- und Knechtschaft zu erstreben, kann soweit der Vorurteile entbehren, um das Urteil im allgemeinen, das Erkenntnisvermögen, die Kopfarbeit wahr oder nackt zu erfassen. Erst eine historische Entwicklung, welche die direkte allgemeine Freiheit der Masse im Auge haben kann – und dazu gehören wohl sehr verkannte historische Voraussetzungen – erst die neue Ära des vierten Standes findet den Gespensterglauben soweit entbehrlich, um den letzten Urheber alles Spuks, um den reinen Geist entlarven zu dürfen. Der Mensch des vierten Standes ist endlich >reiner< Mensch. Sein Interesse ist nicht mehr Klassen- sondern Masseninteresse, Interesse der Menschheit. Die Tatsache, daß zu allen Zeiten das Interesse der Masse mit dem Interesse der herrschenden Klasse verbunden war, daß nicht nur trotz, sondern gerade mittels ihrer stetigen Unterdrückung durch jüdische Patriarchen, asiatische Eroberer, antike Sklavenhalter, feudale Barone, zünftige Meister, besonders durch moderne Kapitalisten und auch selbst noch durch kapitalistische Cäsaren die Menschheit stetig >fortgeschritten< – diese Tatsache nähert sich ihrem Ende. Jetzt ist diese Entwicklung an einem Standpunkt angekommen, wo die Masse selbstbewußt wird. Sie ist damit so weit gekommen, daß sie nunmehr sich unmittelbar selbst entwickeln will.«
IV.
Dietzgens Ethik.
Das Schlußkapitel von Dietzgens »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« behandelt die Ethik: »Praktische Vernunft« oder Moral. (Seite 61 bis 87, 1. Band der Sämtlichen Schriften.)
Siebenunddreißig Jahre später erschien Kautskys »Ethik« (und materialistische Geschichtsauffassung) – das erste und bis jetzt einzige deutsche sozialistische Werk auf diesem Gebiet.[7] In der Vorrede sagt Kautsky: »Ich fuße bei meiner Entwicklung der Ethik auf der Grundlage der materialistischen Geschichtsauffassung – auf jener materialistischen Philosophie, wie sie einerseits Marx und Engels und, in anderer Weise, aber in gleichem Sinne, Josef Dietzgen begründet haben.«
Kautskys Arbeit in allen Ehren, aber sie ist im Grunde keine erkenntniskritisch begründete, sondern eine historisch-ökonomisch orientierende Darlegung, daher macht sie die Lektüre Dietzgens zu einer notwendigen Voraussetzung. Bei Kautsky erfahren wir nicht – wie bei Dietzgen – die philosophische Methode, durch welche man zur Erforschung der Sinnlichkeit als Grundlage der Moral gelangt. Dietzgen kommt zu seinem Befunde – zum Erkennen des Vernünftigen, Weisen, Rechten, Sittlichen – durch »Entwicklung des Allgemeinen aus dem Besonderen«. Das gelingt ihm mit seinem Schlüssel – wie im vorangegangenen Kapitel die Lösung des »Stoff-und-Kraft«-Problems – sozusagen spielend. Unter tunlichster Beibehaltung des logischen Zusammenhangs lasse ich die Hauptstellen des Moral-Kapitels (in Auswahl von etwa einem Achtel des Originals) hier folgen:
Das menschliche Bedürfnis gibt der Vernunft das Maß zur Ermessung des Guten, Rechten, Schlechten, Vernünftigen usw. Was unserem Bedürfnis entspricht, ist gut, das Widersprechende schlecht. Das leibliche Gefühl des Menschen ist das Objekt der Moralbestimmung, das Objekt der »praktischen Vernunft«. Auf die widerspruchsvolle Verschiedenheit menschlicher Bedürfnisse gründet sich die widerspruchsvolle Verschiedenheit moralischer Bestimmungen. Weil der feudale Zunftbürger in der beschränkten und der moderne Industrieritter in der freien Konkurrenz prosperiert, weil sich die Interessen widersprechen, widersprechen sich die Anschauungen, und es findet der eine mit Recht dieselbe Institution vernünftig, welche dem andern unvernünftig ist. Wenn die Vernunft einer Persönlichkeit rein aus sich das Vernünftige schlechthin zu bestimmen versucht, kann sie nicht anders, als ihre Person zum Maß der allgemeinen Menschheit machen. Wenn man der Vernunft das Vermögen zuspricht, in sich selbst die Quelle der moralischen Wahrheit zu besitzen, verfällt man in den spekulativen Irrtum, ohne Sinnlichkeit, ohne Objekt Erkenntnisse produzieren zu wollen … Sinnliche Bedürfnisse sind das Material, aus welchem die Vernunft moralische Wahrheiten anfertigt. Unter sinnlich gegebenen Bedürfnissen von verschiedener Dringlichkeit oder verschiedenem Umfang das Wesentliche, Wahre vom Individuellen zu scheiden, Entwicklung des Allgemeinen ist die Aufgabe der Vernunft. Der Unterschied zwischen dem scheinbar und wahrhaft Vernünftigen reduziert sich auf den Unterschied zwischen dem Besonderen und Allgemeinen.
Wie die Aufgabe der Physik die Erkenntnis des wahren, so ist die Aufgabe der Weisheit die Erkenntnis des vernünftigen Seins. Überhaupt hat die Vernunft zu erkennen, was ist – als Physik, was wahr, als Weisheit, was vernünftig ist. Wie wahr mit allgemein, so übersetzt sich vernünftig mit zweckmäßig, so daß wahrhaft vernünftig soviel wie allgemein zweckmäßig heißt. Wie das Wahre, das Allgemeine die Beziehung auf ein besonderes Objekt, auf ein gegebenes Quantum der Erscheinung, bestimmte Grenzen unterstellt, innerhalb deren es wahr oder allgemein ist, so setzt das Vernünftige oder Zweckmäßige gegebene Verhältnisse voraus, innerhalb deren es vernünftig oder zweckmäßig sein kann. Das Wort expliziert sich selbst: Der Zweck ist das Maß des Zweckmäßigen. Nur auf Grund eines gegebenen Zweckes läßt sich das Zweckmäßige bestimmen. Ist erst der Zweck gegeben, dann heißt die Handlungsweise, welche denselben am weitesten, breitesten, allgemeinsten verwirklicht, die vernünftige, der gegenüber jede minder zweckmäßige Weise unvernünftig wird.