Seit Kant sich die Kritik der Vernunft zur Spezialität gemacht, ist konstatiert, daß unsere fünf Sinne allein nicht ausreichen, um Erfahrungen zu machen, daß der Intellekt dabei sein muß. Und ferner hat die Kritik der Vernunft dargetan, daß der alte Gotteshauch künftig nur im Gebiet der materiellen, das heißt erfahrungsmäßigen Welt funktionieren darf, daß die Vernunft ohne unsere fünf Sinne keinen Sinn und Verstand hat und also ein Ding ist von demselben gemeinen Zusammenhang wie andere Dinge.

Jedoch ist es dem großen Philosophen zu schwer geworden, die Geschichte vom Lehm ganz zu vergessen, den Geist aus der geistlichen Nebelkappe ganz zu erlösen, die Wissenschaft total von der Religion zu emanzipieren. Die »dreckige« Anschauung von der Materie, das »Ding an sich« hat alle Philosophen mehr oder minder gefangen gehalten im idealistischen Schwindel, der einzig und allein auf dem Glauben an die metaphysische Natur des menschlichen Geistes beruht. Abgötterei, Religion und Philosophie sind drei wenig verschiedene Arten von einer Sache, welche sich Metaphysik nennt.

Der Schub, durch welchen Kant die Metaphysik zum Tempel hinausbrachte, und das Hintertürchen, das er ihr offen ließ, sind bündig in einen einzigen Satz gefaßt, er lautet: Unsere Erkenntnis beschränkt sich auf die Erscheinung der Dinge. Was sie an sich sind, können wir nicht wissen. Gleichwohl müssen auch die Dinge etwas »an sich« sein, denn sonst würde der ungereimte Widerspruch folgen, daß Erscheinung wäre, ohne etwas, was erscheint.

Nicht zu leugnen: wo Erscheinungen sind, da ist auch ein Etwas, was erscheint. Aber wie wäre es, wenn dies Etwas die Erscheinung selbst wäre, wenn einfach Erscheinungen erschienen? Es läge doch durchaus nichts Unlogisches oder Vernunftwidriges vor, wenn überall in der Natur die Subjekte wie die Prädikate von derselben Art wären. Warum soll denn das, was erscheint, von einer durchaus anderen Qualität sein wie die Erscheinung? Warum können die Dinge »für uns« und die Dinge »an sich«, oder Schein und Wahrheit, nicht von demselben empirischen Stoffe, von derselben Natur sein? Das Interesse der Sozialdemokratie fordert, daß sie mit der Weltweisheit dieselbe Prozedur vornimmt, daß sie die Gesamtgattung der Gedanken in zwei Arten teilt, in glaubensbedürftige, idealistische Faselei und nüchterne, materialistische Denkarbeit.

Wir können mit unserem Intellekt die materielle Welt nur formell beherrschen. Im Kleinen mögen wir ihre Veränderungen und Bewegungen nach dem Willen lenken, aber im Großen ist die Substanz der Sache, die Materie en général erhaben über alle Geister. Es gelingt der Wissenschaft, die mechanische Kraft in Wärme, Elektrizität, Licht, chemische Kraft usw. zu verwandeln, und es mag ihr gelingen, alles Stoffliche und alles Kräftige, eines in das andere überzuführen und als verschiedene Formen eines einzigen Wesens darzustellen; aber doch vermag sie nur die Form zu verwandeln, das Wesen bleibt ewig, unvergänglich und unzerstörbar. Der Intellekt kann die Wege der physischen Veränderungen ablauschen, aber es sind materielle Wege; der stolze Geist kann ihnen nur nachschleichen, sie aber nicht vorschreiben. Das religiöse Gebot: Du sollst Gott über alles lieben, das heißt in sozialdemokratischem Deutsch: Du sollst die materielle Welt, die leibliche Natur oder das sinnliche Dasein lieben und verehren als den Urgrund der Dinge, als das Sein ohne Anfang und Ende, welches war, ist und sein wird von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Wie das Verständnis der Ökonomie, so ist auch unser Materialismus eine wissenschaftliche, eine historische Errungenschaft. Wie wir uns scharf unterscheiden von den Sozialisten der Vergangenheit, so auch von den ehemaligen Materialisten. Mit den letzteren haben wir nur gemein, die Materie als Voraussetzung oder Urgrund der Idee zu erkennen. Die Materie ist uns die Substanz und der Geist die Akzidenz, die empirische Erscheinung ist uns die Gattung und der Intellekt eine Art oder Form derselben, während alle religiösen und philosophischen Idealisten in der Idee die erste, die ursächliche oder substantielle Kraft erblicken.

Es ist nicht genug, wie die alten Materialisten tun, alles aus wägbaren Atomen abzuleiten. Die Materie ist nicht nur schwer, sondern auch duftig, hell und klingend, warum nicht intelligent? Wenn das Riech-, Sicht- und Hörbare spiritueller ist als das Tastbare, wenn also der Komparativ natürlich, warum nicht der Superlativ? Die Schwere läßt sich nicht sehen, Licht nicht riechen und der Intellekt nicht betasten, aber empfinden läßt sich alles, was da ist. Den Geist oder unsere Gedanken fühlen wir doch wohl ebenso physisch wie Schmerzen, Licht, Wärme oder Steine. Das Vorurteil, daß die Objekte des Tastgefühls begreiflicher seien als die Erscheinungen des Gehörs oder des Gefühls überhaupt, verleitete die alten Materialisten zu ihren atomistischen Spekulationen, verleitete sie, das Tastbare zum Urgrund der Dinge zu machen. Der Begriff der Materie ist weiter zu fassen. Es gehören dazu alle Erscheinungen der Wirklichkeit, auch unser Begriffs- oder Erkenntnisvermögen.

Das Ganze regiert den Teil, die Materie den Geist, wenigstens in der Hauptsache, wenn auch nebensächlich wiederum die Welt vom Menschengeist regiert wird. In diesem Sinne also mögen wir die materielle Welt als höchstes Gut, als erste Ursache lieben und ehren.

Damit ist denn ganz und gar nicht bestritten, daß unter den Objekten der Welt wir unserem Intellekt den ersten Rang zuerkennen mögen.