Weil der Philosoph, vom religiösen Wahne befangen, über die Naturerscheinung hinaus will, weil er hinter dieser Welt der Erscheinung noch eine andere Welt der Wahrheit sucht, mittels deren die erstere erklärt werden soll, darum hat er sich die voraussetzungslose Methode angeschafft, welche Gedanken ohne bestimmtes Material spinnt oder, mit anderen Worten, in die unbestimmte Allgemeinheit fragt. Erst ein unbefangener Grübler, der das Cartesianische Experiment (»Cogito, ergo sum«, ich denke, daher existiere ich) wiederholt, findet, daß, wenn sich im Kopfe Gedanken und Zweifel umtreiben, es die leibliche Empfindung ist, welche uns das Dasein des Denkprozesses versichert.[11] Der Philosoph verdrehte die Sache, er wollte die unleibliche Existenz des abstrakten Gedankens bewiesen haben; er vermeinte, die übergeschnappte Wahrheit einer religiösen oder philosophischen Seele wissenschaftlich beweisen zu können, während in der Tat er die gemeine Wahrheit der leiblichen Empfindung konstatierte. Aus der Empfindung des profanen Daseins wollte Cartesius ein höheres Dasein herleiten. Sein Malheur ist das Generalmalheur der Philosophie, sie ist idealistisch.

Idealisten im guten Sinne des Wortes sind alle braven Menschen. Die Sozialdemokraten erst recht. Unser Ziel ist ein großes Ideal. Die Idealisten im philosophischen Sinne dagegen behaupten, was alles wir sehen, hören, fühlen usw., die ganze Welt der Dinge rund um uns sei nicht vorhanden, es seien Gedankenspäne. Sie behaupten, unser Intellekt sei die einzige Wahrheit, alles andere sollen »Vorstellungen«, Phantasmagorien, traumhafte Nebelbilder, Erscheinungen im bösen Sinne des Wortes sein. Was immer in der äußeren Welt wir wahrnehmen, behaupten sie, sind keine objektiven Wahrheiten, keine wirklichen Dinge, sondern ist subjektives Getriebe unseres Intellektes.

Die Dinge der Welt sind nicht »an sich«, sondern besitzen alle ihre Beschaffenheiten nur durch den Zusammenhang. Im Zusammenhang mit dem Sonnenlicht und mit unseren Augen sind die Wälder im Sommer grün. In einem anderen Lichte und unter anderen Augen möchten sie dann blau oder rot sein. Flüssig ist das Wasser nur im Zusammenhang mit einer gewissen Temperatur, in der Kälte wird es hart und fest, in der Hitze unsichtbar; läuft gewöhnlich bergab, und wenn es an einen Zuckerhut herankommt auch bergauf. Es hat »an sich« keine Eigenschaften, kein Dasein, sondern erhält dasselbe durch den Zusammenhang. Wie dem Wasser ergeht es allen anderen Dingen.

Die ganze Wahrheit und Wirklichkeit beruht auf dem Gefühl, auf der leiblichen Empfindung. Seele und Leib oder Subjekt und Objekt, wie der alte Witz neuerdings heißt, ist von demselben irdischen, sinnlichen, empirischen Kaliber.

Die Wahrheit nicht auf das »Wort Gottes« und nicht auf überkommene »Prinzipien«, sondern unsere Prinzipien auf die leibliche Empfindung gründen, das ist die philosophische Pointe der Sozialdemokratie.

Der liebe Gott formte des Menschen Leib aus einem Lehmklumpen, und die unsterbliche Seele hauchte er hinein. Seit dieser Zeit besteht der Dualismus oder die Zweiweltentheorie. Die eine, die leibliche, materielle Welt, ist Dreck, und eine andere, geistliche oder geistige Geisterwelt, ist Gotteshauch. Dieses Histörchen wurde von der Philosophie säkularisiert, das heißt dem Zeitgeist angepaßt. Das Sichtbare, das Hör- und Fühlbare, die leibliche Wirklichkeit wird immer noch wie dreckiger Lehm behandelt; dem denkenden Geiste dagegen hängt man das Reich einer überspannten Wahrheit, Schönheit und Freiheit an. Wie in der Bibel »die Welt« einen üblen Beigeschmack hat, so auch in der Philosophie. Unter allen Erscheinungen oder Objekten, welche die Natur bietet, findet sich nur eines, welches sie ihrer Aufmerksamkeit würdigt, den Geist nämlich, den alten Gotteshauch; und das nur darum, weil derselbe ihrem vertrackten Sinne wie ein unnatürliches, wie ein überweltliches, metaphysisches Ding erscheint.

Es soll der Odem Gottes als eine Wahrheit demonstriert werden. Zwar ist der Name in Verruf: von der unsterblichen Seele darf vor aufgeklärten, liberalen Leuten keine Rede sein. Man tut materialistisch nüchtern, spricht vom Bewußtsein, Denk- oder Vorstellungsvermögen. Aber daß dies ein Ding von gemeiner und nicht übergeschnappter Natur ist, darf kein »Gebildeter« denken, das denken nur sozialistische Volksaufwiegler. Anderen ist die überschwengliche Natur des menschlichen Geistes ein ausgemachtes Dogma.

Wir fühlen in uns das leibhaftige Dasein der denkenden Vernunft, und ebenso und mit demselben Gefühl empfinden wir außer uns die Lehmklumpen, die Bäume und Sträucher. Und das, was wir in uns, und das, was wir außer uns fühlen, liegt nicht weit voneinander. Beides gehört zur sinnlichen Erscheinung, zum empirischen Material.

Die sozialdemokratische Gleichheit der Natur, des Leibes und der Seele ist es, welche den »Philosophen« nicht in den Kopf will. Das Erfahrungsmäßige nennen wir Wahrheit und machen es allein zum Objekt der Wissenschaft.