Diese Philosophie kann also die Frage »Woher kommen wir?« sicherlich nicht beantworten, zumal sie auf materiallosem oder voraussetzungslosem Denken beruht. Ohne Material, wie die Spinne ihre Fäden aus dem Hintern, ja noch weit material- oder voraussetzungsloser, will der Philosoph seine spekulative Weisheit aus dem Kopfe ziehen. So haben denn die philosophischen Hirngespinste auch weniger realen Zusammenhang als die Spinngewebe.

Einer der Professoren – sagt unser Autor im dritten Artikel – verlangt von den Sozialisten »statt vager und unklarer Andeutungen ein klares Bild von dem Zustand der Gesellschaft, wie er nach ihrer Ansicht sein müßte und nach ihren Wünschen eintreten soll. Namentlich nach seinen praktischen Konsequenzen ausgeführt.«

Wir sind keine Idealisten, die sich einen Zustand der Gesellschaft erträumen, »wie er sein muß und soll«. Wenn wir unsere Gedanken über die künftige Gestaltung spinnen, nehmen wir Material zur Hand. Wir denken materialistisch. »Der liebe Gott hatte die Welt im Kopfe, bevor er sie machte, seine Ideen waren souverän und hatten sich nach nichts Vorhandenem zu richten.« Dieser Aberglaube an die Souveränität der Idee spukt den Philosophen im Kopfe; er liegt dem Verlangen zugrunde, daß wir die künftige Welt in all ihren Details erst projektieren sollen, bevor wir die gegenwärtige angreifen und »zerstören«. Fourier, Cabet usw. haben diese Verkehrtheit begangen. Wir behandeln die Zukunft nicht wie spekulative Philosophen, sondern wie praktische Männer, bauen keine Luftschlösser und machen keine Rechnungen ohne die Wirte. Es ist kopflos, in ein Geschäft, in ein Unternehmen, in die Welt zu rennen ohne Projekt; aber noch kopfloser und nur die Art sanguinischer Phantasten ist es, wenn man die näheren Bestimmungen sich nicht reserviert.

Daß die kleine Wirtschaft wenig leistet und der Privatbesitz en gros die Arbeiter ausbeutet, ist eine empirische Spezialkenntnis, welche aus der Erfahrung induziert und nicht aus der philosophischen blauen Allgemeinheit uns in den Kopf geregnet ist. Daraus folgt als »praktische Konsequenz« die Forderung des genossenschaftlichen, des staatlichen oder kommunalen Betriebes.

Aber der Arbeitszwang – »die Beschränkung der persönlichen Freiheit verträgt sich nicht mit dem idealen Staate«. Der Arbeitszwang ist ein Naturgesetz und ist nur so lange eine Beschränkung unserer persönlichen Freiheit, als ein Herr Prinzipal vorhanden ist, der die Früchte unserer Arbeit eigennützig einsackt. Sollte wohl der gut salarierte Beamte seinen vorschriftsmäßigen Dienst als »Beschränkung der persönlichen Freiheit« empfinden?

Dietzgen nimmt nun im vierten Artikel das im zweiten begonnene Thema wieder auf »Woher kommen wir?«, das Rätsel des Daseins, das Religion und Philosophie zu lösen sich die Aufgabe gestellt.

Die religiöse Schöpfungsgeschichte ist der Philosophie zu kindisch; sie wendet sich deshalb an den menschlichen Geist; aber solange der, vom religiösen Dunst umnebelt, sich selbst mißversteht, fragt und hantiert er verkehrt, voraussetzungslos, spekulativ oder in die unbestimmte Allgemeinheit.

Die »Voraussetzungslosigkeit« seiner Methode weiß der Philosoph damit zu begründen, daß er auf die vielen Possen oder Täuschungen der Sinne hinweist, die uns mannigfach in der Irre herumführen. Folgedessen fragt er: Was ist Wahrheit und wie kommen wir zur Wahrheit?

Seine Philosophie sucht nicht, wie alle besonderen Wissenschaften, an bestimmten grünen und empirischen Wahrheiten, sondern wie die Religion an einer ganz besonderen Art von Wahrheit, an der absoluten, blauen, voraussetzungslosen oder übergeschnappten. Was aller Welt wahr ist, was wir sehen, fühlen, hören, schmecken und riechen, unsere leibhaftige Empfindung, ist ihr nicht wahr genug. Naturerscheinungen sind nur Erscheinungen oder »Schein«, und davon will sie nichts wissen.