Da diese teils mechanischer, teils geistiger Art ist, fragt es sich: wer von beiden ist Primus?
Wir erkennen in Wissenschaft und Bildung überaus wertvolle Mittel, aber nur Mittel, während die Ergiebigkeit der leiblichen Arbeit der höhere Zweck ist. Die Bildung wirkt dann allerdings sehr erheblich zurück auf die produktive Verwendung der Arbeit.
Der unwiderstehliche Weltprozeß, der die Planeten geballt, aus ihren feuerflüssigen Substanzen Kristalle, Pflanzen, Tiere und Menschen nacheinander hervorgetrieben, treibt ebenso unwiderstehlich zu einer rationellen Verwendung unserer Arbeit, zur stetigen Entwicklung der Produktivkraft.[9] Die Produktion verlangt unter allen Umständen in rationeller Weise betrieben zu werden. In allen Kulturepochen, mögen sie noch so verschieden sein, muß man, so will es die Vernunft der Dinge, in möglichst kurzer Zeit das Massenhafteste leisten. Dieser von der materiellen Leiblichkeit uns angetane Trieb ist also das Allgemeine, das Ursächliche, ist Grund oder Fundament aller sogenannten höheren, geistigen Entwicklungen, Bildungen und Fortschritte. Weil die fortentwickelte Produktivkraft heute nicht weiterkommen kann, darum muß dem Volke Teil gegeben werden am Konsum, Absatz muß verschafft, die Sittlichkeit, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vervollkommnet werden.
Auf dem Mechanismus des Fortschritts beruht die Zuversicht der Sozialdemokratie. Wir wissen uns unabhängig vom guten Willen. Unser Prinzip ist ein mechanisches, unsere Philosophie materialistisch. Doch ist der sozialdemokratische Materialismus viel reicher und positiver begründet als irgend ein Vorgänger. Die Idee, seinen Gegensatz, hat er mittels klarer Durchschauung in sich aufgenommen, hat die Welt der Begriffe bemeistert, den Widerspruch zwischen Mechanik und Spirit überwunden. Der Geist der Verneinung ist in uns zugleich positiv, unser Element ist dialektisch.[10]
Im zweiten Artikel erklärt unser Autor, wie die »sozialdemokratische Philosophie« aus der bürgerlichen, von der sie »legitim abstammt«, sich entwickelt hat:
Wer sind wir, woher kommen und wohin gehen wir? Sind die Menschen Herren und Gebieter, sind sie die »Krone der Schöpfung« oder hilflose Kreaturen, allem Winde, Wetter und Ungemach unterworfen? Wie verhalten wir oder wie sollen wir uns verhalten zu den Dingen und Menschen der Umgebung? Das ist die große Frage der Philosophie wie der Religion. Das Charakteristikum der Philosophie ist es, die »große Frage« dem religiösen Gemüt entwunden und sie dem Organ der Wissenschaft, dem Erkenntnisvermögen zur Lösung heimgegeben zu haben. Indem die Philosophie die große Lebensfrage wissenschaftlich lösen wollte, verdrehte sich ihr die Sache, die sie nicht anzugreifen wußte, und die wissenschaftliche Lösung, die Theorie der Kopfarbeit, wurde ihr zum eigentlichen Gegenstand, zur Lebensfrage.
Aber schockweise sind die Belege, daß das Verständnis kein helles, kein konsequentes ist, daß die Professoren und Privatdozenten ganz konfus sind in betreff der Aufgabe, des Zweckes oder der Bedeutung der Philosophie.
Zum Beweis zitiert Dietzgen einen Philosophen von anerkanntem Ruf, Herrn v. Kirchmann, der 1876 in einem Vortrag die Philosophie als das beste Schutzmittel für die zurzeit herrschende Autorität und die bürgerliche Moral erklärte.