Kein Orakel des Himmels, kein Gewissen der Brust und keine Deduktion des Kopfes darf uns die sittliche oder irgend eine andere Wahrheit dozieren. Auf diesen idealen Wegen findet sich nur die bekannte Schnapperei nach »dem wahren Jakob«. Das einhellige wissenschaftliche Resultat wird induktiv gewonnen; es gründet sich immer auf empirische Tatsachen, hier auf das exakte Faktum, daß Menschen einander dienstlich sind. So ewig wie einer des anderen bedarf, so ewig ist dem einen recht, was dem andern billig. Je mehr sich die gegenseitige Bedürftigkeit der Menschen entwickelt, um so extensiver und intensiver wird ihre Verbindung, um so rücksichtsvoller die Moral, um so größer und wahrer die Moral.
Die religiöse Wahrheit ist eine ideale Phantasterei. Sie hat die Nächstenliebe auf Gottesglauben und sittliche Freiheit gründen wollen. Und was haben wir davon? Den sozialen Krieg. Wir wollen umgekehrt den ewigen Frieden bezwecken mittels einer brüderlichen Gestaltung der politischen Ökonomie. Wie in der Familie, wo der Mann den Kohl baut, die Frau ihn kocht und die Kinder das Reisig herbeiholen, wie da die häusliche Liebe gegründet ist auf die häusliche Wirtschaft, die geistige auf die materielle Eintracht, so wird sich auch bei uns die wahre Nächstenliebe erst einfinden, nachdem die Erwerbsverhältnisse sozialistisch gestaltet sind. Gewiß hat die Natur schon dem Menschen die Nächstenliebe ins Herz gepflanzt. Aber dies Herz ist ein durchaus unzuverlässiger Kompaß, und Wille und Erkenntnis, überhaupt der ganze ideale Apparat ist ohne materielle Basis ein sehr niedriger Wegweiser. Es müßte sonst besser stehen mit der Nächstenliebe unserer herrschenden Klassen.
Mit der faktischen Welt stimmt die sozialdemokratische Moraltheorie überein, sie anerkennt im politischen Staate den berechtigten Wächter und Hüter der Sittlichkeit, aber fühlt sich auch berufen, dem Staat auf die Finger zu sehen, daß er nicht aus einer vergänglichen und veränderlichen Institution einen ewigen und heiligen Popanz mache, daß er nicht statt dem sittlichen Fortschritt eine unsittliche Reaktion, statt kommunistischer Moral egoistische Laster treibe. Indem die Sozialdemokratie alle Privatinteressen dem Allgemeinen, der sozialistischen Organisation unterordnet, bekundet sie wahre, echte Moral.
(Dieses Schlußkapitel der Kanzelreden ist beiläufig als eine populäre Erweiterung des Schlußkapitels vom »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« zu betrachten.)
VI.
Sozialdemokratische Philosophie.
»Sozialdemokratische Philosophie« betitelt sich die nun folgende Artikelserie (aus dem »Volksstaat« von 1876), der sich drei Aufsätze (aus dem »Vorwärts« von 1877 bis 1878) anschließen.
Unter »sozialdemokratischer Philosophie« versteht Dietzgen die auf sinnlicher Erfahrung beruhende Erkenntnis – im Gegensatz zur spekulativen Philosophie, zur Metaphysik, zum Übersinnlichen und auch zur Ideologie, wie zur »phantastischen Projektmacherei« der frühen französischen und englischen Sozialisten zu Ende des achtzehnten und im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts.
Erst unserem Marx und Engels hatte – sagt Dietzgen – die Philosophie das Fundamentalprinzip offenbart, daß in letzter Instanz sich die Welt nicht nach Ideen, sondern umgekehrt die Ideen sich nach der Welt zu richten haben. Marx war der erste, welcher erkannte, daß das Menschenheil im großen und ganzen nicht von irgendwelchem erleuchteten Politiker, sondern von der Produktivität der sozialen Arbeit abhängt.