An Stelle der Religion setzt die Sozialdemokratie systematische Weltweisheit.

Diese Weisheit findet ihre Begründung, ihren »letzten Grund« in den faktischen Verhältnissen. Die Erfahrung, daß sowohl die feudale wie die liberale und klerikale Gerechtigkeit und Freiheit und politische Wahrheit und Weisheit nach dem leiblichen Interesse der betreffenden Parteien modelliert ist, hat uns das Verständnis nahegelegt, daß sich überhaupt die Weisheit nicht aus dem Kopfe, sondern nur mittels des Kopfes aus empirischem Material ziehen läßt.

Zufolge dessen modellieren wir mit Bewußtsein, mit systematischer Konsequenz unsere Begriffe über Gerechtigkeit und Freiheit nach unseren leiblichen Bedürfnissen, nota bene sind es die Bedürfnisse des Proletariats, der großen Volksmasse. Das faktische leibliche Bedürfnis einer »menschenwürdigen« Existenz ist der »letzte Grund«, womit wir die Rechtmäßigkeit, Wahrheit, Vernünftigkeit der sozialdemokratischen Bestrebungen erweisen. Im System der Induktion geht der Leib dem Geiste, das Faktum dem Begriffe voran. Wie die Wärme kalt und die Kälte warm, beides sich nur dem Grade nach unterscheidet, so relativ ist das Gute bös und das Böse gut. Alles sind Relationen desselben Stoffes, Formen oder Arten der physischen Empirie (Erfahrung).

Mancher möchte fragen: Wie ist es möglich, empirisches Material als Grundbestandteil aller Objekte der Wissenschaft nachzuweisen? Gibt es denn da keine Dinge, wie das Wesen Gottes, reine Vernunft, sittliche Weltordnung usw.?

Gott, reine Vernunft, sittliche Weltordnung und viele andere Dinge bestehen nicht aus empirischem Material, es sind keine Formen der physischen Erscheinung, wir leugnen deshalb auch ihr Dasein. Jedoch die Begriffe dieser Gedankendinge sind faktisch vorhanden; sie mögen wir sehr wohl unserer induktiven Forschung als Material unterbreiten.

Im Schlußartikel, dem siebten, befaßt sich unser Autor mit dem viel ventilierten Religionsthema der »sittlichen Weltordnung«:

Sitte und Ordnung muß sein, nicht weil, wie der Pastor sagt, diese Dinge vom Himmel stammen, sondern weil sie ein allgemeines, lebhaftes Bedürfnis sind. Da wir Sozialdemokraten alle unsere Gedanken mit leibhaftigen oder empirischen Tatsachen begründen, soll auch das Sittengesetz nicht weiter gelten, als es sich materialistisch fundiert findet.

Die Sittlichkeit beruht auf dem sozialen Trieb des Menschengeschlechts, auf der materiellen Notwendigkeit des gesellschaftlichen Lebens. Weil die Tendenz der Sozialdemokratie vornehmlich auf ein soziales, auf ein gesellschaftliches Leben in höherem Grade gerichtet ist, darum kann sie nicht anders, als ganz wahrhaftig eine moralische Tendenz sein. Sacken und Packen und der dazu benötigte juristische Apparat nennt sich »sittliche Weltordnung«. Menschen, die über Nacht reich werden, haben ein anderes Sittengesetz als solche, die noch das Brot kümmerlich im Schweiße des Angesichts kneten. Heute weiß man nicht, ob fünf, fünfundzwanzig, hundert oder fünfhundert Prozent ein »ehrlicher Verdienst« ist. Die kapitalistische Wirtschaft wirkt zersetzend auf die Moral und das Vermögen. Wie in der Türkei kauft man in höheren Ständen sich der Frauen, soviel man Geld hat. Vielweiberei und Mätressenwirtschaft werden Sitte, sind ein sittliches Faktum. Und in der Tat und in der Wahrheit ist die »freie Liebe« nicht minder sittlich wie auch die christliche Beschränkung auf nur ein einziges Ehegesponst. Was uns an der Vielweiberei empört, ist nicht so sehr die reiche Mannigfaltigkeit der Liebe, als die Käuflichkeit des Weibes, die Degradation des Menschen, die schandbare Herrschaft des Mammons.

In der Weltgeschichte, liebe Mitbürger, geht es mit der Moral wie in der Natur mit dem Stoff: die Formen ändern sich, aber das Wesen bleibt.

Hier muß ich kurz und bündig auseinandersetzen, was das eigentliche Wesen der Sittlichkeit, was wahre Moral ist. Die Feinde schlachten, braten und verspeisen, heißt dort moralisch, und hier: sie lieben und ihnen Gutes tun. Wie sollen wir nun unter solchen Widersprüchen die Kastanien der Wahrheit aus dem Feuer holen? Einfach, indem wir aus dem Verschiedenen das Allgemeine, indem wir extrahieren, was unter allen Umständen moralisch, sittlich oder recht ist. Es kann das nichts Spezielles, es muß das Generelle, das Abstrakte des gesamten moralischen Materials sein. Mittels eines solchen induktiven Verfahrens findet sich, daß die sittliche Weltordnung im allgemeinen aus den Rücksichten besteht, verschieden je nach Zeit und Umständen, welche das gesellschaftliche Bedürfnis der Menschen erheischt. Ferner findet sich die unleugbare Tatsache, daß dieses Bedürfnis mit der Kultur sich entwickelt, daß der soziale Trieb des Menschen wächst, daß die menschliche Assoziation breiter und inniger, daß die Moral moralischer wird.