So weit 1 bis 4 der Kanzelreden.
Die Stücke 5 und 6 sind weniger »populär« gehalten, weil wesentlich philosophischen Charakters; sie behandeln der »neuen Religion«, der Sozialdemokratie Denkweise, im Gegensatz zur altreligiösen, der »primitiven Weltweisheit«:
Wer das phantastische, das religiöse System der Welterklärung absetzen will, der muß doch wieder ein System, diesmal ein rationelles, an die Stelle setzen.
Wir nennen uns Materialisten. Wie die Religion ein genereller Name ist für mannigfache Konfessionen, so ist auch der Materialismus ein dehnbarer Begriff.
Philosophische Materialisten kennzeichnen sich dadurch, daß sie die leibhaftige Welt an den Anfang, an die Spitze und die Idee oder den Geist als Folge setzen, während die Gegner nach religiöser Art die Sache vom Wort (»Gott sprach, und es ward«), die materielle Welt von der Idee ableiten. Wir dürften uns ebenso füglich auch Idealisten nennen, weil unser System auf dem Gesamtresultat der Philosophie fußt, auf der wissenschaftlichen Erforschung der Idee, auf der klaren Einsicht in die Natur des Geistes. Wie wenig die Gegner kapabel sind, uns zu begreifen, bezeugen denn auch die widerspruchsvollen Namen, die man uns gibt. Bald sind wir grobtastige Materialisten, die nur nach Hab und Gut ausgehen, bald, wenn von der kommunistischen Zukunft die Rede ist, werden wir unverbesserliche Idealisten genannt. In der Tat sind wir beides zugleich. Sinnliche, wahrhaftige Wirklichkeit ist unser Ideal, das Ideal der Sozialdemokratie ist materiell.
Dietzgen reklamiert nun als Bedingung sozialdemokratischer Denkweise dreierlei: die von Bacon gelehrte »induktive Methode« der Forschung – des Schlusses vom Besonderen aufs Allgemeine; ferner Gedankenaufbau auf Grundlage sinnlichen Materials; drittens die Voraussetzung gegebenen Anfangs der Welt – unter Abweisung der metaphysischen Frage Kants nach »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«, und unter Ablehnung der transzendentalen Deduktion, das heißt apriorischer Grundlegung der objektiven Erfahrung durch den reinen Geist. Dietzgen sagt:
Anwendung der induktiven Methode auf alle Probleme vom Anfang bis zum Ende der Welt, also die systematische Anwendung der Induktion macht die sozialdemokratische Weltanschauung zu einem System. »Du sollst«, lautet das Gesetz, »nicht anfangen zu grübeln ohne Material, du darfst deine Schlüsse, Regeln, Erkenntnisse nur auf Tatsachen, auf sinnliche Wahrheit bauen. Zum Denken gehört ein gegebener Anfang.« Wir also fangen wohl an zu grübeln, aber grübeln nie über den Anfang. Wir wissen ein für allemal, daß alles Denken mit einem Stück der weltlichen Erscheinung, mit gegebenem Anfang anfangen muß, daß also die Frage nach dem Anfang des Anfangs eine gedankenlose Frage ist, die dem allgemeinen Denkgesetz widerspricht. Wer vom Anfang der Welt redet, setzt den Weltanfang in die Zeit. Da darf man fragen, was war vor der Welt? »Nichts war«, sind zwei Wörter, von denen eines das andere ausschließt. Daß jemals etwas gewesen sei, was nicht war, kann nur ein schlauer Tollpatsch sagen, der viereckige Kreise zieht. Nichts kann nur heißen: nicht dies oder jenes.
Unsere Dränger, die Mächtigen und Besitzenden, »Kulturkämpfer« und Fortschrittsmänner, Liberale und Freimaurer sind auch Fürsprecher der Induktion – nur soweit sie ihnen zum Kram paßt. Sie teilen alles: Die Leute in Herren und Diener, das Leben in Dies- und Jenseits, die Person in Leib und Seele und die Wissenschaft in Induktives und Deduktives.
Das Teilen ist gut und recht, wenn dabei System, wenn das Geteilte unter einem Hut gehalten, wenn die Verschiedenheit als eine nur graduelle bekannt ist. Auch die Sozialdemokraten haben Leib und Seele. Unser Leib ist die Summe der leiblichen und die Seele Summe der seelischen oder geistigen Eigenschaften. Aber, wohlgemerkt! die empirische Erscheinung ist das einhellige Material, die gemeinsame Rubrik für Leib und Seele, für Körper und Geist. Seele oder Geist ist uns ein Attribut der Welt und nicht, wie umgekehrt der Pfaff will, die Welt ein Attribut oder Machwerk des Geistes.
Nach religiösem System ist der liebe Gott »letzter Grund«. Idealistische Freimaurer glauben alles mit der Vernunft begründen zu können. Befangene Materialisten suchen in heimlichen Atomen den Grund alles Bestehenden, während die Sozialdemokraten alles induktiv begründen. Wir besitzen die prinzipielle Induktion, das heißt wir wissen, daß nicht rein deduktiv, aus der bloßen Vernunft irgendeine Belehrung zu schöpfen, sondern nur mittels Vernunft aus der Erfahrung Kenntnisse zu holen sind.