Die Essenz der Religion besteht darin, diejenige Erscheinung des Natur- und Menschenlebens, welche je nach Zeit und Umständen von eminenter Bedeutung ist, zu personifizieren und im Glauben auf eine so hohe Säule zu stellen, daß sie über alle Zeit und Umstände hinwegsieht.
Wie unsere Zeit so nahe daran ist, die Religion gänzlich aufzugeben, wird augenfällig an den vagen, im höchsten Grade konfusen Ideen, die sie über Gott und seine Eigenschaften hegt. Während von allen anderen Dingen die Menschen nur darum wissen, daß sie sind, weil sie vorher wissen, wie und was sie sind, wollen sie vom Dasein einer göttlichen Persönlichkeit überzeugt sein, ohne irgend zu wissen, welcher Art sie ist, ob menschlicher oder unmenschlicher Gestalt, ob klein oder groß, ob schwarz- oder blauäugig, ob Mann oder Weib. Ist es nun aber nicht schmählich kopflos, von jemand wissen zu wollen, daß er ist, wenn ich zugleich eingestehen muß, gar nichts davon zu wissen, wo, wie und welcher Art er ist? Je weiter die Gottesidee in der Entwicklung zurück ist, um so leibhaftiger ist sie, je moderner die Form der Religion, um so konfuser, um so erbärmlicher sind die religiösen Ideen. Die geschichtliche Entwicklung der Religion besteht in ihrer allmählichen Auflösung.
Im vierten Abschnitt wird der zu Beginn der sozialdemokratischen Agitationsära häufig und heute noch von religiösen Anhängern der Arbeitersache manchmal verteidigte Satz, daß »Christus der erste Sozialist gewesen«, einer interessanten Kritik unterzogen:
Sozialismus und Christentum sind so verschieden wie Tag und Nacht. Wohl haben beide übereinstimmendes. Aber was stimmt nicht überein? Was ist unähnlich? Tag und Nacht gleichen sich durchaus darin, daß sowohl das eine wie das andere ein Stück der allgemeinen Zeit ist. Der Teufel und der Erzengel, obgleich der erste eine schwarze und der zweite eine weiße Haut hat, sind doch wieder sehr gleich, indem jeder von ihnen überhaupt in einer Haut steckt. Es ist die spezielle Kapazität unseres Kopfes, alle Mannigfaltigkeit unter einen generellen Hut zu bringen. Ob Christentum und Sozialismus noch so viel Gemeinschaftliches haben, so verdient doch der, der Christus zum Sozialisten macht, den Titel eines gemeinschädlichen Konfusionsrats. Es ist nicht genug, das Gemeinschaftliche der Dinge zu kennen, auch der Unterschied will verstanden sein. Nicht was der Sozialist mit dem Christen gemein, sondern was er eigen hat, was ihn auszeichnet und unterscheidet, sei Gegenstand unserer Beachtung.
Neuerdings ist das Christentum Religion der Knechtseligkeit genannt worden. Das, in der Tat, ist seine treffendste Bezeichnung. Knechtselig ist allerdings alle Religion, aber das Christentum ist die knechtseligste der knechtseligen. Nehmen wir ein christlich Wort von der Straße. An meinem Wege steht ein Kreuz mit der Inschrift: »Barmherzigkeit, huldreichster Jesu! H. Maria bitt für uns.« Da haben wir die unmäßige Demut des Christentums in ihrer vollen Erbärmlichkeit. Denn wer so seine ganze Hoffnung auf Erbarmen baut, ist doch in Wahrheit eine erbärmliche Kreatur. Der Mensch, der vom Glauben an den allmächtigen Gott ausgeht, vor den Schicksalen und Mächten der Natur sich in den Staub wirft und nun im Gefühl der Ohnmacht um Erbarmen winselt, ist kein brauchbares Mitglied unserer heutigen Welt. Wenn die modernen Christen andere Leute sind, wenn sie den Unwettern, die überlegene Mächte herabdonnern, kühn in die Augen sehen und nun durch tatkräftige Arbeit das Unheil zu heilen suchen, so bekunden sie mit solcher Tat ihren Abfall vom Glauben. Obgleich die Christen ihren Namen, ihre Gesangbücher und frommen Gemütsschmerzen beibehalten, sind sie doch in ihrem Tun und Treiben vollendete Antichristen. Wir religionslose Sozialdemokraten wollen das klare Bewußtsein der Sachlage voraus haben. Wir wollen Wissen und Willen, in der Theorie wie in der Praxis tatkräftige Widersacher der lammfrommen, gottseligen Ergebenheit sein. Das Christentum fordert Entsagung, während heute rüstige Arbeit zur Befriedigung unserer materiellen Bedürfnisse gefordert ist. Gottvertrauen ist die vornehmlichste Qualität eines Christen, Selbstvertrauen, das gerade Gegenteil, zu einer erfolgreichen Arbeit nötig.
Eine Charakterisierung der Würde geistiger wie körperlicher Arbeit gibt unser Autor im zweiten Teil dieses vierten Abschnitts:
Nachdem von der Wissenschaft alles Himmlische materialisiert wurde, blieb den Professoren übrig, ihre Profession, die Wissenschaft zu verhimmeln. Die akademische soll anderer Qualität, anderer Natur sein, wie zum Beispiel die Wissenschaft des Bauern, des Färbers oder Nagelschmieds. Die wissenschaftliche Agrikultur zeichnet sich von der gewöhnlichen Bauernwirtschaft nur dadurch aus, daß ihre Regeln, ihre Kenntnisse der sogenannten Naturgesetze genereller oder umfassender sind.
Das sozialistische Bedürfnis nach gerechter, volkstümlicher Verteilung der wirtschaftlichen Produkte verlangt die Demokratie, verlangt die politische Herrschaft des Volkes und duldet nicht die Herrschaft einer Sippe, die mit der Prätension des Geistes nach dem Löwenanteil schnappt. Um diesen anmaßlichen Eigennutz in vernünftige Schranken zurückweisen zu können, ist es geboten, das Verhältnis des Geistes zur Materie klar zu verstehen. Der eminente Wert der Kopfarbeit wird von den Handarbeitern noch vielfach verkannt. Ein unfehlbarer Instinkt bezeichnet ihnen die tonangebenden Federfuchser unserer bürgerlichen Zeit als natürliche Widersacher. Sie sehen, wie das Handwerk der Beutelschneiderei unter dem Rechtstitel der geistigen Arbeit betrieben wird. Daher die leicht erklärliche Neigung, die geistige Arbeit zu unter- und die körperliche zu überschätzen. Diesem brutalen Materialismus ist entgegenzuwirken. Physische Kraft, materielle Überlegenheit war von jeher das Vorrecht der arbeitenden Volksklassen. Mangels geistiger Ausbildung haben sie bisher sich übertölpeln lassen. Die Emanzipation der Arbeiterklasse fordert, daß letztere der Wissenschaft unseres Jahrhunderts sich ganz bemächtige. Das Gefühl der Entrüstung über die Ungerechtigkeiten, welche wir erleiden, reicht trotz unserer Überlegenheit an Zahl und Körperkraft zur Befreiung nicht aus. Die Waffen des Geistes müssen Hilfe leisten. Unser Körper ist mit seinem Geist derart verbunden, daß physische Arbeit absolut unmöglich ist ohne geistige Zutat. Der simpelste Handlangerdienst erfordert die Mitbeteiligung des Verstandes. Andererseits ist der Glaube an die Unkörperlichkeit der geistigen Arbeit eine Gedankenlosigkeit. Auch die reinste Forschung ist unleugbar eine Anstrengung des Körpers. Alle menschliche Arbeit ist geistig und körperlich zumal. Am Produkt der Arbeit läßt sich nie ermitteln, wieviel davon der Geist und wieviel der Körper geschaffen hat; sie schaffen in solidarischer Gemeinschaft, einer nicht ohne den anderen. Mag sich eine Arbeit als geistig oder körperlich charakterisieren, das Produkt, ich wiederhole, ist von Geist und Körper zumal geschaffen. Da läßt sich der Beitrag der Idee nicht separieren vom Beitrag des Materials. Wer könnte in einem Gemüsegarten die Teile bestimmen, die der Spaten, der Arm des Gärtners, der Boden, der Regen und der Dünger gefördert hat?
Große Männer, die die Leuchte der Erkenntnis vorantragen, mögen wir ehren, aber nur so lange und so weit auf ihre Sprüche bauen, als dieselben materiell in der Wirklichkeit begründet sind.