Die gegenseitige Durchdringung der beiden Arbeitsformen hat im Verlauf der Jahrhunderte endlich die Menschheit auf den Punkt gebracht, wo nunmehr der Grundstein zum Tempel der Sozialdemokratie niedergelegt ist. Alle unsere materiellen Reichtümer haben, ebenso wie alle in der Literatur deponierten geistigen Errungenschaften, nur mittels gemeinschaftlicher Arbeit der verschiedensten Generationen, Geschlechter, Länder und Völker produziert werden können. Sie sind also, wenn auch individuelles Eigentum, doch ein generelles, ein gemeinschaftliches, ein kollektives Produkt.

Dann zu seinem eigentlichen Thema zurückkehrend, sagt Dietzgen:

Die Lehre unserer sozialdemokratischen Kirche betrachtet den aufgehäuften Reichtum, den materiellen sowohl wie den geistigen, als ihren Grundstein und lehrt, zu glauben, daß dieser schwere Stein wohl nicht ohne, aber auch nicht durch einzelne Herren oder vornehme Geschlechter, sondern mit überaus angestrengter Kopf- und Handarbeit des gesamten Volkes zutage gefördert ist. Schelme und Narren nennen dies Evangelium rohe Gleichmacherei. Nein! Die Gleichheit der Sozialdemokratie ist keine phantastische Gleichheit, welche ihren Gegensatz, die Verschiedenheit, ausschließt. Unsere menschliche Natur hat uns allen das gleiche Bedürfnis gegeben, auf diesem Erdboden unseren Hunger zu stillen, unseren Leib zu kleiden, alle unsere verschiedenen Kräfte zu entwickeln. Die Menschenkinder haben von Natur alle das gleiche Verlangen, ihr Leben zu verbringen in tätiger Lust, ohne Elend und Knechtschaft. Die Gleichheit des Verlangens ändert die Verschiedenheit nicht, welche jeden von uns mit Kräften und Talenten eigener Art ausgerüstet hat. Wie also der Gegensatz zwischen Gleichheit und Mannigfaltigkeit in der Natur der Dinge faktisch vereint und überwunden ist, so soll auch das soziale Leben der Zukunft die Menschen gleich machen an gesellschaftlichem Rang und Wert, ihnen den gleichen Anspruch geben auf Genuß des individuellen Lebens, ohne deshalb die Verschiedenheit aufzuheben, welche jedem seine besondere Aufgabe zuteilt, jedem gestattet, nach seiner eigenen Fasson selig zu werden.

Solange die Natur als unbezwingbares Verhängnis, als allmächtige Gottheit gewaltet hat und die Menschheit mit Armut knechtete, durfte einzelnen oder einzelnen Klassen die Herrschaft gestattet sein, um als Führer zu dienen. Nun aber ist das Volk durch die errungene reiche Ergiebigkeit seiner Arbeit auf dem Punkte angekommen, wo es verlangt, daß alle Herrschaft endige. Es fühlt sich berufen, die geschichtliche Entwicklung der Dinge fortzusetzen, ohne Beihilfe unumschränkter Führer.

Wir fordern von der Gesellschaft, und vermöge des geschichtlich erworbenen Reichtums können wir es fordern, daß sie uns nicht nur die Arbeit, sondern das »tägliche Brot« garantiere, daß sie die Hungrigen speise, die Nackten kleide, die Kranken pflege, kurz, alle Werke der Liebe und Barmherzigkeit übe. Wir verlangen von der Gesellschaft, daß sie nicht nur menschlich heiße, sondern menschlich sei. An Stelle der Religion setzt die Sozialdemokratie Humanität, welche fortan nicht mehr auf einer moralischen Satzung, sondern auf der Erkenntnis ruhen wird, daß nur in der sozialen brüderlichen Arbeit, in der ökonomischen Gemeinschaft der Erlöser lebt, der uns vom leibhaftigen Bösen befreien kann. Die wahre Erbsünde, an der das Menschengeschlecht bisheran leidet, ist die Selbstsucht. Moses und die Propheten, alle Gesetzgeber und Moralprediger haben zusammen nicht vermocht, es davon zu befreien. »Die Sünde sitzt im Fleische, wie der Nagel in der Mauer«, sagt die Bibel. Keine schöne Redensart, keine Theorie und Satzung konnte sie ausmerzen, weil die Konstitution der ganzen Gesellschaft an diesem Nagel hängt. Die bürgerliche Gesellschaft fußt auf dem selbstsüchtigen Unterschiede von Mein und Dein, fußt auf dem sozialen Krieg, auf der Konkurrenz, auf der Überlistung und Ausbeutung des einen durch den anderen.

Hieraus ergibt sich der oben bereits zitierte Moralsatz, daß die Gesellschaft sich auf einer neuen Grundlage konstituieren muß, welche die Gegensätze von Liebe und Selbstsucht miteinander versöhnt und die Gemeinsamkeit der Arbeit wie des Genusses involviert.

Hiermit schließt der zweite Abschnitt; der dritte nimmt das zu Beginn des ersten behandelte Thema wieder auf, daß die Religion wie die Sozialdemokratie die Tendenz nach Erlösung hat, um einen neuen Gesichtspunkt zu eröffnen: wie die Sehnsucht nach Erlösung die Ursache der Religion war, so hat sie auch im Laufe der geschichtlichen Entwicklung, durch die neue Auffassung von »Erlösung« im Sinne der Sozialdemokratie, zur Auflösung der Religion geführt.

Dietzgen sagt: Wir sahen die Sozialdemokratie in ihrer Tendenz nach Erlösung darin weiter gehen als die Religion, daß sie die Erlösung nicht im Geiste, sondern nur mittels des menschlichen Geistes recht eigentlich im Fleische, in der fleischlichen, materiellen Wirklichkeit sucht. Das Bedürfnis der Erlösung, die erbärmliche Not des anfänglichen unkultivierten Menschen ist der Urschleim der Tiefe, aus dem sich die Religion erzeugte. Die unbeholfene Rat- und Hilflosigkeit in einer Welt von Drangsal treibt den Menschen, anderwärts Allmacht und Vollkommenheit zu suchen, treibt zur Verehrung von Tieren, Gestirnen, Bäumen, Blitz, Wind, einzelnen Menschen usw. Die nachfolgende unvermeidliche Erfahrung, daß alle diese Dinge selbst macht- und hilflos sind, veranlaßte den Fortschritt, das höchste Wesen, statt in einem nahen, greifbaren, demnach in einem geistigen Wesen zu suchen, das weitab über den Wolken thront. Von dieser, also der Erfahrung entrückten Gottheit sich näher zu unterrichten, war schwieriger. Die neuere Wissenschaft jedoch, welche hinter so manches verborgene Mysterium gekommen ist, hat endlich auch das Geheimnis der Religion offenbart.

Es ist die Natur der Materie, welche sie, ohne Ansehen der Zeit, zu stetiger Entwicklung getrieben hat und forttreibt; durch Feuer- und Wasserepochen hindurch zur Bildung des ersten Lebens, das mit den geringsten Pflanzen, mit den niedrigsten Tieren begonnen hat und weiter hinaufsteigt in unaufhörlicher Veränderung und Erweiterung der Formen, bis zur selbsttätigen Zeugung des Menschengeschlechts. Und derselbe Naturinstinkt, der die Welt, hat dann auch sein höchstes Produkt, das mit Vernunft begabte genus homo, geschichtlich entwickelt. Was immer nun in diesem geschichtlichen Prozeß zeitweilig eine hervorragende Stelle eingenommen, sei es Tier, Pflanze, Gestirn, Mensch oder Gesetz, wurde von dem religiösen Gefühl schwärmerisch vergöttert. Gott, das ist der Inhalt der Religion, hatte also keinen bleibenden, ewigen, sondern einen veränderlichen, zeitlichen Charakter.

Die Religiösen pochen darauf, daß alle Völker, wilde wie zahme, Religion haben, an Gott glauben. Sie halten deshalb dafür, daß der Glaube dem Menschen angeboren sei, und wollen darin einen Beweis seiner Wahrheit finden. Aber wahr ist nur, daß der Unerfahrene leichtgläubig und um so leicht- und vielgläubiger, je unerfahrener und unkultivierter er ist. Ein Blick belehrt, daß nicht eine, sondern viele Religionen da sind, nicht Gott, sondern Götter geglaubt werden. Weil nur nach und nach dem Menschen die Welt verständlich wird, vergöttert er das Mannigfaltigste, heute die Sonne und morgen den Mond, bald den Hund, wie die Perser, bald die Katze, wie die Ägypter.