Was das Volk berechtigt, an die Erlösung von tausendjähriger Qual nicht nur zu glauben, sondern sie tatkräftig zu erstreben, das ist die feenhaft produktive Kraft, die wunderbare Ergiebigkeit seiner Arbeit.
Die Befreiung vom Joche sklavischer Arbeit, die Befreiung von Not, Elend und Sorge, von Hunger, Kummer und Unwissenheit, die Befreiung von der Plage, Lasttier der »höheren Gesellschaft« zu sein, – diese Freiheit, und zwar für die Masse, für das Volk, das ist der heilige Zweck, den zu erfüllen die so unendlich reich gewordene menschliche Arbeitskraft den Beruf hat.
Vom Beten und Dulden sind wir übergegangen zum Denken und Schaffen. Das Resultat dieser veränderten Methode steht vor Augen in den Errungenschaften der Industrie, deren Seele die produktive Kraft unserer Arbeit ist.
Das Volk verlangt nach der realen Erlösung, weil endlich die Bedingungen dazu vorhanden sind. Armut, Hunger und Elend der Vergangenheit waren vielfach durch Mangel an Lebensmitteln verursacht. Gegenwärtig, und seit Dezennien schon, ist es umgekehrt überschüssiger Reichtum, wie er sich in Geld-, Handels- oder Industriekrisen offenbart, der die Arbeitskraft des Volkes brachlegt. Mögen dann die Speicher noch so gefüllt und die Magazine mit Waren gepfropft sein, das Volk hungert und friert, weil die besitzenden Klassen, mit Produkten übersättigt, seine Arbeitskraft nicht kaufen oder unterkaufen.
Die Kultur war bisher Zweck und der Mensch Mittel. Jetzt gilt es die Dinge umzukehren, den Menschen zum Zweck und die Kultur zum Mittel zu machen. Die erste Bedingung, das Werk der Entwicklung fortzusetzen, ist die Freiheit des Volkes, seine Teilnahme am Konsum.
Die Sozialdemokratie unterscheidet sich von der bisherigen kopflosen Wirtschaft, welche ohne Ziel und Maß produziert, gerade dadurch, daß sie den Volkshaushalt mit Bewußtsein organisiert. Bewußte planmäßige Organisation der sozialen Arbeit nennt sich der ersehnte Heiland der neueren Zeit.
Die dreieinige Gottheit des Christentums hat die Not des Volkes nur dadurch lindern können, daß sie gelehrt hat, daraus eine Tugend zu machen. Daß diese Lehre zu ihrer Zeit heilsam war, sei nicht verkannt. Wo der Mensch noch die Fähigkeit und Mittel nicht besitzt, sein Kreuz abzuwerfen, ist der Geist ergebener Resignation nicht nur ein göttlicher Balsam, sondern auch eine triftige Zuchtrute, die wohl vermag, ihn vorzubereiten für die sinnige Verstandesarbeit der Kultur.
Wirklich und leibhaftig aber wird der Zweck der Religion erst durch materielle Kultur, durch Kultur der Materie erreicht. Arbeit nannten wir den Heiland, den Erlöser des Menschengeschlechts. Wissenschaft und Handwerk, Kopf- und Handarbeit sind nur zwei verschiedene Gestalten derselben Wesenheit. Wissenschaft und Handwerk sind wie Gott-Vater und -Sohn, zwei Dinge und doch nur eine Sache.
Das im letzten Satze enthaltene Thema wird in nachstehendem weiter behandelt:
Ähnlich wie unkultivierte Völker das politische und soziale Gesetz als ein übernatürliches Gnadengeschenk abgöttisch verehren und damit sich der Macht begeben, es dem Laufe der Entwicklung nach zu gestalten, ähnlich betrachtet heute eine verehrungssüchtige, untertänige, knechtische Anschauungsweise die Kopfarbeit der Wissenschaft als ein höheres Wesen, nicht als den Diener, sondern als den Götzen der Kultur. Die Menschen sollen nicht zur Wissenschaft hinaufsehen, sondern sie zu sich herabziehen. Wir sollen die geistige zu einem Instrument der materiellen Arbeit machen. Die erfahrungsmäßige Resultatlosigkeit der spekulativen Forschung, die erwiesene Unfruchtbarkeit der reinen Vernunft belehre die Gelehrtenzunft, daß leibliche Sinnentätigkeit zur Wissenschaft erfordert ist. Umgekehrt lerne der Handwerker an den bewunderten Resultaten der modernen Industrie, daß nur der Verbindung mit der Wissenschaft die Wunder der Arbeit zu danken sind.