Da die Sozialdemokratie eine »neue Religion« ist, bedient sie sich zur Erreichung ihres Zweckes naturgemäß anderer Methoden als die alte Religion. Dies führt unser Autor in folgendem aus:

Die Religion, ganz im allgemeinen, hat den Zweck, das bedrängte Menschenherz vom Jammer dieses irdischen Lebens zu erlösen. Sie hat das bisher nur in idealer, träumerischer Weise vermocht, durch Anweisung an einen unsichtbaren Gott und an ein Reich, das nur von Toten bewohnt ist. Das Evangelium der Gegenwart verspricht, unser Jammertal endlich in realer, wirklicher, greifbarer Weise zu erlösen. »Gott«, das ist das Gute, Schöne, Heilige, soll Mensch werden, aus dem Himmel auf die Erde kommen, aber nicht wie einst, auf religiöse, wunderbare Art, sondern auf natürlichem, irdischem Wege. Wir verlangen den Heiland, wir verlangen, daß unser Evangelium, das Wort Gottes, Fleisch werde. Doch nicht in einem Individuum, nicht in einer bestimmten Person soll es sich verkörpern, sondern wir alle wollen, das Volk will – Sohn Gottes sein.

Die Religion war bisher Sache des Proletariats. Jetzt, umgekehrt, fängt die Sache des Proletariats an, religiös zu werden, das heißt eine Sache, welche die Gläubigen mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Gemüt ergreift.

Im alten Glauben diente der Mensch dem Evangelium, im neuen Glauben ist das Evangelium dazu da, der Menschheit zu dienen. Das Evangelium der Neuzeit fordert eine Umkehr unserer ganzen Denkweise. Nach der alten Offenbarung war das Gesetz das Erste, Höchste, Ewige und der Mensch das Zweite. Nach der neuen Offenbarung ist der Mensch das Erste, Höchste, Ewige und sein Gesetz, das Zweite, zeitlich und wandelbar.

Wir sind heute nicht dazu da, dem Gesetze zu dienen, sondern das Gesetz hat den Zweck, uns zu dienen, nach unseren Bedürfnissen modifiziert zu werden. Der Alte Bund verlangte Geduld und Ergebung in unsere Leiden; der Neue Bund fordert Energie und Tatkraft. An die Stelle der Gnade setzt er die bewußte Werktätigkeit. Das alte Buch nannte sich »Autoritätsglaube«, das neue setzt die Wissenschaft, die revolutionäre, auf sein Titelblatt.

Glauben und Wissen, das sind die beiden Gegensätze, welche den Alten und Neuen Bund trennen. Einen weiteren Unterschied zwischen der alten und der neuen Religion konstatiert Dietzgen wie folgt:

Beten und Fasten sind die Heilmittel, welche das Christentum empfiehlt wider die angeborene Hilflosigkeit des Menschen … Arbeit heißt der Heiland der neueren Zeit.

Wie Christus schon eine große Anzahl Proselyten gemacht hatte, bevor sich seine Kirche organisierte, so hat auch der neue Prophet, die Arbeit, schon seit Jahrhunderten gewirkt, bevor sie in der Gegenwart daran denken kann, sich auf den Thron zu setzen und das Zepter in die Hand zu nehmen.

Mit den Attributen der Gottheit, mit Macht und Wissenschaft, ist sie nunmehr ausgerüstet. Aber nicht auf unbefleckte, wunderbare Weise ist sie dazu gekommen. Sie ist unter Schmerzen geboren, unter Kampf und Qual und Sorgen groß gewachsen. Obgleich sie es ist, welche den Menschen so weit kultiviert hat, welche jetzt mit der Verheißung kommt, ihn vollständig aus aller Knechtschaft zu erlösen, und ihn das ersehnte Land Kanaan wirklich schon aus der Ferne mit Augen sehen läßt, so liegt doch heute noch die Dornenkrone des Elends auf ihrem Haupte, das Kreuz der Verachtung auf ihren Schultern.

Doch unsere Hoffnung auf Erlösung ist nicht auf ein religiöses Ideal, sondern auf einen massiven materiellen Grundstein gebaut.