Nur aus des Monistenführers Ostwald »Sonntagspredigt« vom 20. Dezember 1913 »Die wissenschaftlichen Grundlagen der Ethik« möchte ich einige Zeilen hier anführen, weil sie eine wohlbegründete Entschuldigung für Kants Irrtum enthalten:
»Kant glaubte auch die Quelle der Ethik in einem inneren Sittengesetz zu finden, welches dem Menschen a priori eigen ist, und hat damit allerdings in etwas versteckter Weise diese Quelle gleichfalls in einen irrationalen, der wissenschaftlichen Forschung nicht zugänglichen Punkt gelegt. Es läßt sich darum erklären, daß jenem großen Denker das Entwicklungsgesetz der Lebewesen nicht nur nicht bekannt war, sondern daß er sogar eine ausgesprochene Abneigung dagegen hatte, das menschliche Denken unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung zu betrachten. So behauptete er das absolute Vorhandensein des inneren Sittengesetzes bei dem Menschen und begnügte sich mit diesem Vorhandensein, ohne weitere Nachforschungen darüber anzustellen, woher es stammte.«
Unsere Revisionisten aber kennen das Entwicklungsgesetz.
V.
Die Religion der Sozialdemokratie.
»Die Religion der Sozialdemokratie« betitelt sich eine Reihe von durch Gedankenfülle und vielfach durch Schönheit der Sprache sich auszeichnenden sieben Artikeln, sogenannten »Kanzelreden«, die zuerst in dem von Liebknecht redigierten Leipziger »Volksstaat« 1870 bis 1875 erschienen und seitdem Verbreitung in Zehntausenden von Exemplaren gefunden haben. Das auf fünf Jahre verteilte Entstehen dieser Abhandlungen schließt naturgemäß Anlage nach einem systematischen Plane aus; es sind daher in ihren Fortsetzungen teilweise Ergänzungen des Früheren und zu diesem Zwecke Exkurse auf verwandtes Nebengebiet enthalten. »Die Religion der Sozialdemokratie« wird dem Leser um so mehr Vorteil und Genuß gewähren, je tiefer die Ideen des Sozialismus bereits Wurzel in ihm geschlagen haben und je emanzipierter er sich vom sogenannten »positiven Glauben« weiß. Denn er begegnet in diesen »Kanzelreden« Gedanken, die zum Teil im Unterbewußtsein jedes freidenkerischen und geschulten Sozialisten schlummern und nur der Erweckung durch den Laut eines Zauberworts bedürfen, das aus dem Munde eines philosophischen Hellsehers kommt. Darin liegt der wesentliche Reiz von Dietzgens »Kanzelreden« für die Massen der sozialistischen Arbeiter; um Dietzgen aber in allen seinen Gedankengängen gründlich zu verstehen, sollten Sozialisten unbedingt mit seiner im »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« niedergelegten Denklehre sich vertraut machen – wenn auch die populären Schriften unseres Autors als Einführung in das genannte Hauptwerk benutzt werden dürfen.
Dietzgen führt in den »Kanzelreden« aus, sagt sein Sohn im Geleitwort von 1906, »daß die Religion ein geschichtlich notwendiges Gedankenbild ist, welches aus dem menschlichen Bedürfnis nach materieller und geistiger Befriedigung und nach einer diesem Glücksstreben entsprechenden Gesellschaft und Welt entstehen mußte, und zwar auf jeder Kulturstufe, auf der der Mensch in Ermanglung von hinreichendem, erfahrungsmäßigem Wissen und Können gegenüber den natürlichen Zusammenhängen sich nicht anders als mit phantastischer Spekulation helfen konnte. Er weist an der natürlichen Begrenzung des Denkvermögens nach, daß alle Religion und jeder Glaube an Übernatürliches auf phantastischer Spekulation beruhen, die ihrerseits wiederum in ihrer Eigenart bestimmt wird durch den Entwicklungsgrad der sozialen Produktivkräfte und Lebensbedingungen.«
Das Wort »Religion« in Verbindung mit »Sozialdemokratie« ist natürlich nicht im landläufigen Sinne desselben zu verstehen; denn die Tendenzen der Sozialdemokratie enthalten, wie Dietzgens einleitende Worte lauten, den Stoff zu einer neuen Religion, die nicht, wie alle bisherige, nur mit dem Gemüt oder Herzen, sondern zugleich auch mit dem Kopf, dem Organ der Wissenschaft, erfaßt sein will.
Und die Moral dieser neuen Religion faßt er am Schluß des zweiten Artikels in folgenden Satz zusammen: Sie verlangt, und ihr ganzes Wesen beruht auf diesem Verlangen, daß wir die Gegensätze der Liebe und Selbstsucht miteinander versöhnen, daß sich die Gesellschaft aus dieser Versöhnung konstituiere, daß der Mensch dem Menschen die Hand reiche, um mit vereinter Kraft und Arbeit die Natur zur reichlichen Hergabe unserer Lebensmittel zu zwingen.